18/09/20

Die tabuisierte Körperlichkeit

Das Museum Ulm befasst sich mit der Geschichte der Prothesen

von Florian L. Arnold

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Mari Katayama, You're mine 001, 2014, Courtesy of Collection Antoine de Galbert, Paris
Die Ausstellung „Transhuman: Von der Prothetik zum Cyborg“ im Museum Ulm zeigt nicht nur die Geschichte der Prothesen aus kunst- und zeitgeschichtlicher Sicht. Sie wirft einen Blick auf ein mitunter tabuisiertes Feld der Körperlichkeit. Denn wer aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen, Krankheit, schlechter Ernährungs- und Gesundheitslage den Normen menschlichen Aussehens nicht genügte, hatte es schwer. So kam früh die Idee auf, verlorene oder fehlende Gliedmaßen zu ersetzen: In der Ausstellung zeigt eine Abbildung eine ägyptische „Zehenprothese“ aus dem 1. Jahrhundert vor Christus. Der Ulmer Albrecht Ludwig Berblinger (der „Schneider von Ulm“) ersann 1809 seine „künstliche Fußmaschine“ mit beweglichen Gliedern für die versehrten Soldaten der napoleonischen Kriege ‒ und stand damit in einer bereits recht langen Linie von Versuchen, verlorene Glieder adäquat zu ersetzen.

 

Heute entfernt man sich von einem Denken in Kategorien wie „Makel“ und Mangel“. Neue ästhetische Erwägungen brechen sich Bahn: Mari Katayama (*1987) etwa gehört zu den neuen Künstlerstars, die über soziale Medien berühmt wurden. Ihre Unterschenkel wurden im Kindesalter amputiert; als Erwachsene machte sie daraus ein künstlerisches Konzept, indem sie ihre Beinstümpfe sichtbar macht und sich fantasievolle Ergänzungen ihrer Gliedmaßen näht: mal als Medusa, mal als erotisch angehauchte Irritation. Ähnlich arbeitet auch die 1976 geborene Aimee Mullins, die ihre fehlenden Schenkel durch künstlerisch gestaltete Glieder aus unterschiedlichsten Materialien ergänzt. Bei einer Alexander McQueen-Show lief sie auf eigens für sie entworfenen kunstvoll geschnitzten Beinen aus Eschenholz, in Matthew Barneys Film „Cremaster III“ sieht man sie mit Glasbeinen. Prothese ist hier längst eine Form des Brandings. Katayama und Mullins sind nur zwei Protagonisten in einer regelrechten Bewegung, die den eigenen Körper als Kunstwerk begreift – der durch „Ergänzungen“ perfektioniert wird. Hier setzt der dritte und vielleicht spannendste Teil der Ulmer Ausstellung an: Wohin kommen wir als physische Wesen, wenn immer mehr Körperteile ersetzt, ergänzt, nichtorganisch „optimiert“ werden?

Synthetische Augenlinsen lassen das Auge bislang Unsehbares erblicken, eine künstliche Gebärmutter übertrifft das organische Original – zumindest in der Vorstellung der Entwickler. Wunschkörper für alle dank wissenschaftlicher, technologischer und gestalterischer Innovation? In den Laboren der „Transhumanisten“ wird schon der Mensch der Zukunft designt. Eine über die Natur hinausreichende Körperoptimierung im Sinne des „Body Enhancement“ wird das menschliche Dasein verändern. Das lässt diese sehenswerte Schau ahnen.        

 

Transhuman. Von der Prothetik zum Cyborg
Museum Ulm
Marktplatz 9, Ulm.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 13. Dezember 2020.

 

 





Museum Ulm