16/09/20

Kuhdung als künstlerische Signatur

In der Werkschau von Sheela Gowda im Münchner Lenbachhaus erscheint das Fremde vertraut

von Jürgen Moises

sheelagowdamuenchen.jpgSheela Gowda, Kagebangara, 2008, Ausstellungsansichten Lenbachhaus, 2020, Fotos: Lenbachhaus, Simone Gänsheimer, © Sheela Gowda
Die künstlerische Zusammenarbeit über internationale, interkulturelle Grenzen hinweg ist in der Gegenwart nichts Neues. In der 2020 entstandenen Arbeit „Where Cows Walk“ von Sheela Gowda bekommt diese Vorgehensweise aber doch noch einmal einen eigenen Dreh. Denn die indische Künstlerin ließ an dem Werk Kühe vom Zillerhof im bayerischen Gröbenzell mitwirken. Das heißt: Gowda hatte die Idee, sechs „Leinwände“ aus Jute auf dem Boden eines Kuhstalls auszulegen, damit die Tiere ihre Exkremente darauf fallen lassen und im Dung dann ihre Hufabdrücke hinterlassen. Man könnte auch sagen: Ihre künstlerische Signatur, die nun im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses zu bewundern ist. Ausgelegt wurden die Leinwände im Kuhstall unter anderem von Eva Huttenlauch, die die erste und äußerst sehenswerte museale Einzelausstellung von Sheela Gowda in Deutschland mit dem Titel „It.. Matters“ kuratiert hat.

Kuhdung gibt es auch noch anderen Stellen. Und auch dass die 1957 im indischen Bhadravati geborene Künstlerin auf bereits von anderen Menschen oder Tieren verwendete Materialien zurückgreift, ist bei Gowda ein charakteristisches Mittel. Auf diese Weise führt sie Tradition und Moderne zusammen. Sie bringt über meist landesspezifische Materialien wie Kuhdung, Kumkum-Pulver, Kokosfaser, Fäden, Steine, Teerfässer oder Abdeckplanen bestimmte Arbeitsbedingungen oder Produktionskreisläufe zum Ausdruck. Und sie übt nicht zuletzt Kritik: An der Gesellschaft, am indischen Kastensystem, am Nationalismus, Patriarchat oder den verheerenden Auswirkungen, die ein grotesk wachsender Kapitalismus auf dem indischen Subkontinent mit sich bringt. Der Kuhdung funktioniert dabei nicht nur als ein formales, sondern auch politisches Moment.

Tatsächlich wechselte Gowda, die von 1974 bis 1982 in Indien und danach von 1984 bis 1986 am Royal College of Art in London Malerei studiert hat, Anfang der Neunziger von der Ölmalerei zum Kuhdung, weil dieser als Baustoff, Bodenbelag, Brenn- und Treibstoff oder Medikament in Indien nicht nur omnipräsent ist. Sondern auch, weil der dort typische Rinderkult zum politischen Instrument der regierenden nationalkonservativen Hindu-Partei BJP wurde. Als Beispiele für diese künstlerische Phase sind in der Ausstellung drei erstmals in Europa gezeigte Kuhdung-Gemälde aus dem Jahr 1992 zu sehen. Wie Gowda das Ganze bald darauf ins Räumliche erweiterte, ist durch die installative Arbeit „Untitled (Cow Dung)“ (1992-2012) dokumentiert. Die Künstlerin hat dafür 900 Fladen mit handgroßem Durchmesser hergestellt und diese zusammen mit 25 Quadern gruppiert, die ebenfalls aus Kuhmist bestehen.  

Vom Material her wirkt das ungewohnt, aber auf gleiche Weise auch bestechend sinnlich. Das gilt genauso für andere Werke der Inderin, die 2007 an der Documenta 12 beteiligt war und 2019 in Wien den Maria Lassnig Preis erhielt. Wie etwa „What Yet Remains“ (2017), das die „Bandlis“ zum Thema hat. Flache Schalen aus Metall, die aus gebrauchten Metallfässern hergestellt sind und auf Baustellen für den Transport von Sand oder Zement verwendet werden. Oder „Behold“ von 2009, eine Installation aus 4000 Metern handgedrehtem Seil aus Menschenhaar und zwanzig Autostoßstangen, in der Gowda religiösen Aberglauben und die umsatzkräftige Haarindustrie inhaltlich verknüpft. „Darkroom“ von 2006 wiederum zeigt eine Behausung, wie sie sich Straßenarbeiter aus Teerfässern herstellen. Und Arbeiten wie „In Public“ (2017) oder „Best Cutting“ (2008) belegen, wie Gowda etwa auch Zeitungsfotos oder -meldungen mittels Vergrößerung oder Collage künstlerisch und kritisch nutzt. Die politischen Bezüge sind dabei nicht immer klar, werden aber im Begleitheft anschaulich erläutert. Und auch wenn Gowda ihre spezifisch indische Lebenswelt aufgreift, so stellt sie dennoch weltumspannende und für uns alle wichtige Fragen.      

 

Sheela Gowda: It.. Matters.
Lenbachhaus
Luisenstr. 33, München.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 18. Oktober 2020.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, Steidl, Göttingen 2020, 184 S., 35 Euro | ca. 38.90 Franken.

 

 

 




Lenbachhaus