01/10/20

Das Offene neu denken

Der Freiburger Offspace "Delphi" lanciert Diskussionen, Ausstellungen und Veranstalungsprogramme über Kunst und die Welt von der Peripherie aus

von Dietrich Roeschmann

delphiinnen.jpgRaum für Ideen, Foto: Delphi Space, Freiburg

Vor ein paar Monaten wucherte im Schaufenster in der Emmendinger Straße 21 saftiges Moos. Der Freiburger Biologe Manfred Lueth hatte es dort platziert, als Teil einer kleinen Ausstellung anlässlich der Veröffentlichung seines 1300 Seiten starken Bildatlas „Mosses of Europe“. Es war das Ergebnis 15-jähriger Forschungsarbeit – und auf seltsam anrührende Weise ein Dokument absoluter Hingabe.

Lou von der Heyde, Max Siebenhaar und Daniel Vollmer haben ein Faible für solche Hervorbringungen, irgendwo zwischen Kunst und Liebe und Obsession. Vor zehn Monaten gründeten die drei in einer ehemaligen Metzgerei in der Beurbarung, in die  später ein Teppichladen einzog, den Kunstraum „Delphi“. Seither leuchtet draußen das große Schild mit dem Orakel-Logo ins Quartier. „Das Orakel von Delphi war in der griechischen Antike einer der wichtigsten Orte der damals bekannten Welt“, sagt Siebenhaar, der vor zwei Jahren sein Kunststudium in Berlin abschloss und seither wieder in Freiburg lebt. „Die Menschen kamen aus dem gesamten Mittelmeerraum, um hier vertraulich ihre Pläne vorzutragen und etwas über deren künftige Entwicklung zu erfahren.“ Der mythologische Ort sei so zum Zentrum der Begegnung und des Austauschs zwischen den Disziplinen geworden, von der Kunst über die Wissenschaft bis zur Politik.

„Daran wollen wir anknüpfen“, grinst Daniel Vollmer, derzeit mit seiner Masterarbeit in Kunstgeschichte beschäftigt. Er führt durch den Raum: die Wände mit Holz vertäfelt, weiß lackiert, die Decke abgehängt mit bunten Styroporelementen, am Boden blutrote Ripp-Auslegware. Hinter einem hellblauen Vorhang öffnet sich der Blick in die ehemalige Kühlkammer, wo nun Videoarbeiten gezeigt werden. In dem kleinen Raum nebenan stehen vor dem Bartresen noch verpackt einige Arbeiten für die nächste Ausstellung. Nach der Neuerfindung eines mythologisches Ortes sieht das kaum aus – eher nach einem offenen Wohnzimmer. Aber genau darum geht es den drei: „Wir möchten mit unserem Raum eine Plattform für den generationsübergreifenden, kreativen Austausch bieten“, sagt Lou von der Heyde, die an der Münchner Akademie ein paar Semester Kunst studierte, bevor sie nach Freiburg kam und sich an der Uni für Liberal Arts and Sciences einschrieb. 

Die Studierenden der 2016 geschlossenen Freiburger Außenstelle der Kunstakademie Karlsruhe hatten die Stadt da schon längst verlassen, die junge Szene war abgewandert, die ältere vereinzelt – zumindest schien es so. „Als wir das Delphi eröffneten, merkten wir, dass das nicht stimmt“, sagt von der Heyde. „Das Bedürfnis nach einem Raum zur Auseinandersetzung über künstlerische und gesellschaftliche Prozesse, zur Vernetzung und zum gemeinsamen Arbeiten, Denken und Experimentieren ist riesig“. Sie ist überzeugt: Nicht nur Szenen kreieren Räume – auch Räume kreieren Szenen. Entsprechend gut besucht ist das Programm des Kunstraums, in dem Ausstellungen ganz gezielt nicht im Zentrum stehen, sondern eher das Gespräch flankieren, das die Gruppe sucht.

Dazu schlagen sie monatlich eine Art Begriffskonstrukt vor – „Auf/gabe“, „Über/brücken“, „Neu denken“ –, das dann den Diskussions- und Assoziationsrahmen für Lesungen, Vorträge, Performances und Filmabende bildet und zugleich Thema der offenen Ausschreibung für Kunstschaffende ist, deren ausgewählte Ergebnisse zum Abschluss des jeweiligen Projekts in einer  Ausstellung gezeigt werden. Daneben gibt es freie Malkurse am Nachmittag, Improtheater – und immer eine offene Tür für alle. „Das ist uns sehr wichtig“, sagt Vollmer, „denn jede Begegnung bedeutet eine Horizonterweiterung für alle Beteilgten“.

Es ist dieses Vertrauen in das kreative Potenzial von Gemeinschaft und die Neugier auf künstlerische Projekte, die im unscharfen Feld zwischen Nachbarschaftstreff, Do-It-Yourself-Werkstudio und etabliertem Kunstbetrieb gedeihen, mit dem das „Delphi“-Team inzwischen auch weit über das Quartier hinaus auf sich aufmerksam macht. In Basel werden die drei jetzt anlässlich der Oslo Night auf dem Campus der Künste und ab November an der Regionale 2020 zwei Ausstellungen kuratieren. Am kommenden Donnerstag hat der Kunstverein Freiburg sie eingeladen, um ihren Offspace und ihr neues Programm „Aus/loten“ vorzustellen. Dieses aktuelle Interesse an ihrem Raum freut sie. Abgesehen von kleineren Projektförderungen von Stadt und Land finanzieren die drei den Betrieb des „Delphi“ momentan aus eigener Tasche. Eine  Crowdfunding-Kampagne soll das nun ändern. Damit diese Suche nach einer angemessenen Form für Offenheit weitergehen kann.

delphiplakat.jpg

Delphi
Emmendinger Str. 21, Freiburg.
Neues Programm „Aus/loten“ ab Dienstag, 5. Oktober 2020.

Delphi im Kunstverein Freiburg,
Dreisamstr. 21, Freiburg, Donnerstag, 1. Oktober 2020, 19.00 bis 22.00 Uhr.
Anmeldung unter kontakt@kunstvereinfreiburg.de

Regionale 21, kuratiert von Delphi
Salon Mondial, Freilagerplatz 9, Dreispitz, Basel-Münchenstein.
28. November 2020 bis 3. Januar 2021.








Kunstverein Freiburg
Atelier Mondial
Delphi Space, Freiburg
United We Stream: Dirty Hands – Graffiti und Künstliche Intelligenz, Talk Im Delphi, 29.9.2020, Videodoku