03/09/20

Wir müssen nur die Laufrichtung ändern

Die Ausstellung „Critical Zones“ im ZKM Karlsruhe führt ein in die Geopolitik und Weltsicht des Post-Anthropozäns

von Dietrich Roeschmann

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Sarah Sze, Flash Point (Timekeeper), 2018, © Sarah Sze
Sanft rauscht der Strengbach über Granitgrund durch den lichten Wald ins Tal. Hier oben in den Vogesen, auf rund 1000 Metern, recken Fichten ihre dünnen Zweige in den Himmel, dazwischen ein paar Buchen, unter denen auf schmalen Gestellen transparente Plastiksäcke hängen. Kommt ein Sturm mit Starkregen oder einfach nur der Herbst, fangen sie den Niederschlag und das Laub auf. Regelmäßig schaut dann jemand vom Hydro-Geochemischen Umwelt-Observatorium, kurz: OHGE, vorbei, leert die Säcke und trägt die Proben ins Labor – „zur Langzeitbeobachtung natürlicher und vom Menschen verursachter Störungen der Ökosysteme Boden, Wasser und Wald“, wie es auf der Homepage der Forschungsstation heißt. So geht das jetzt seit 25 Jahren und nur wenige wissen von der Existenz des OHGE. Doch das dürfte sich bald ändern. Anlässlich der Ausstellung „Critical Zones – Horizonte einer neuen Erdpolitik“ im ZKM Karlsruhe luden Kurator Bruno Latour und ZKM-Direktor Peter Weibel das Forscherteam aus dem Elsass zur Visualisierung ihres Ansatzes in Form eines begehbares Raummodells ein. Aus großen Aluprofilen zusammengeschraubt, faltet sich nun das Strengbachtal in den ersten Lichthof der ehemaligen Munitionsfabrik. Die Besucher bewegen sich unterhalb des gedachten Landschaftshorizonts – also dort, wo im wirklichen Leben das Grundwasser durch die Gesteinsschichten sickert. Meterhohe Bohrkerne verstellen ihnen den Weg, im Halbdunkel des Settings leuchtet ein Nachbau des realen OHGE-Labors, Animationen simulieren den Nährstoffaustausch zwischen Bäumen, Gestein, Erde, Bakterien und Flechten.

Das OHGE Strengbach gehört zu einem weltweiten Netzwerk von 170 Observatorien zur Erforschung der sogenannten Critical Zone, der sich die Karlsruher Ausstellung mit gut 60 Arbeiten zwischen Kunst und Wissenschaft im realen Raum widmet. Man könnte sie als Versuch der Modellierung einer neuen Räumlichkeit der Erde beschreiben, die den Blick für die Vielfalt der Lebensformen schärfen soll und für ihre gegenseitige Abhängigkeit. Anders als das wirkmächtige Bild vom Blauen Planeten, das die Möglichkeit einer Außensicht auf unsere Lebensbedingungen suggeriert, beschreibt der geowissenschaftliche Begriff der Kritischen Zone die unentrinnbare Involviertheit des Menschen in seine Umwelt, die aus nichts als einer 50 Kilometer schmalen, empfindlichen Schicht zwischen Stratosphäre und den weichen Regionen der tieferen Erdkruste besteht. Wenn die Erde bewohnbar bleiben und ihr hauchdünner Biofilm nicht reißen soll, so die These, müssen wir unsere Politik ändern – und endlich damit beginnen, die Welt ohne den Menschen im Mittelpunkt zu denken. Welche Rolle die Kunst bei der Etablierung dieser neuen Welterzählung für das Post-Anthropozän spielen könnte, lässt sich in Karlsruhe gut erkunden. Das ZKM bietet mit seinen durchlässigen Räumen ein schönes Ambiente für dieses offene Projekt. Angefangen bei Alexander von Humboldts Landschaftspanoramen, die wie Blaupausen für heutige Infografiken wirken, über Gustave Courbets geologisch versierte Grottenbilder oder Caspar Wolfs Aufrisse der Kritischen Zone in den Alpen der Vorromantik reihen sich die künstlerischen Arbeiten hier zu einem lockeren Parcours, der vor allem mit den Beiträgen jüngerer Kunstschaffender stark auf das Gefühl des Eingebundenseins setzt. So entführt eine Soundarbeit von Marcus Maeder ins trockene Unterholz des vom Klimawandel stark betroffenen Pfynwaldes im Schweizer Wallis. Die US-Amerikanerin Sarah Sze verwandelt mit „Flash Point“ einen ganzen Saal in eine flirrende Geländeprobe aus den Sedimenten der Critical Zone. Und während Uriel Orlow in seiner berührenden Arbeit „Soil Affinities“ den terrestrischen Verbindungen von Pflanzen und Gemüsebauern in Paris und im Senegal nachgeht, kreist Julian Charrières Installation „Future Fossile Spaces“ aus Steinsalz und dem für die Elektromobilität so wichtigen Rohstoff Lithium, den er in der bolivianischen Wüste von Uyuni abbaute, um die Ambivalenz der Konzepte von Heimat und Natur, der wir uns verbunden fühlen – und sie zugleich zerstören, um von ihr zu leben statt mit ihr. Viel Inspiration für den Perspektivenwechsel.

 

Critical Zones – Horizonte einer neuen Erdpolitik.
ZKM Karlsruhe
Lorenzstr. 19, Karlsruhe.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 4. Oktober 2020.

Bei MIT Press ist eine Publikation zur Ausstellung erschienen: Boston 2020, 550 S., Englisch, 63 Euro | ca. 69.90 Franken.

 

 





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