31/08/20

Tiphanie Kim Mall

Die filmischen Arbeiten der Basler Künstlerin sind intime Langzeitbeobachtungen

von Annette Hoffmann

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Tiphanie Kim Mall, Echo der Zet, 2017–2020, Videostill, © Tiphanie Kim Mall
Wenn man derzeit Tiphanie Kim Mall (*1987) trifft, kann es sein, dass sie gerade vom Rhein kommt. Unter anderen Umständen hätte sie kaum Zeit zu schwimmen, denn ihr Werk erregt aktuell viel Aufmerksamkeit. Erst erreichte sie die zweite Runde der Swiss Art Awards, dann wurde ihr Anfang August der Helvetia Kunstpreis zugesprochen. Corona hat eine Art Karussell ausgelöst. Weil sie kontinuierlich weiterarbeitete, zeigte die Absolventin der Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst auf der Plattform im Fribourger Fri-Art nun die Videoarbeit „Hauskatze“, die eigentlich in der Messehalle zu sehen gewesen wäre. Und so kann Tiphanie Kim Mall gerade sozusagen ohne Termindruck in aller Ruhe im Windschatten ihres Erfolgs arbeiten.

Zeit ist dennoch ein Thema ihrer Kunst. Jeder, der mit dem Medium des Films arbeitet, handelt es sich ein, ebenso wie das Nachdenken über den toten, aber andauernden Moment eines Bildes, wenn mitten im Augenblick das Leben erstarrt. Oder umgekehrt: wer das widersprüchlich findet, wird sich dem Film zuwenden. Tiphanie Kim Mall bricht nicht allein die Linearität der fortschreitenden Zeit auf, indem sie im Fluss Bilder verdichtet, sie bezieht auch zyklische Strukturen mit ein. Wenn sie sagt, dass sie im Film das Potential sehe, soziale Dynamiken zu beobachten und zu erfassen, indem sie Zeit schaffe, um über jene Mechanismen nachzudenken, die sie bestimmen, gibt das einen Einblick, wie wichtig Paradoxien für ihre Arbeit sind. „Soziale Dynamiken“ meint ihre Familie und sich selbst. Über mehrere Jahre filmte sie auf Familientreffen ihre Eltern und Geschwistern. Wobei „sie“ nicht ganz stimmt, Mall gibt die Autorschaft ab, so drückt sie ihre Kamera den Verwandten in die Hand, gibt Anweisungen, dass etwa das Geschehen indirekt über einen Spiegel zu filmen sei. Für „Fraises“ installierte sie eine Kamera im Erdbeerbeet und dokumentierte das nächtliche Auftreten von Schnecke & Co. In ihrer Arbeit „Hauskatze“ stattete sie diese sechs Monate mit einer kleinen Kamera aus. Das Katzenvideo ist also eines aus der Sicht der Katze auf das Leben mit einem Menschen.

„Echo der Zeit“ nannte sie die Langzeitstudie ihrer Familie, die sie 2017 begann und die immer noch andauert. Der Titel bezieht sich auf eine Schweizer Nachrichtensendung. Das Private wird weltbewegend. Und hier ist sie eben auch ganz Kind ihrer Zeit, Mall ist in eine Welt hineingewachsen, die durch die sozialen Medien subjektivistisch geworden ist. Doch all die Echos und die Spiegel, die sich in ihren Filmen finden, können auch zeichenhaft dafür stehen, dass etwas Allgemeines in diesen Bildern transportiert wird. Dass das Individuum gar nicht so sehr im Zentrum steht, sondern eben nur so wie ein Stuhlbein oder Küchenregal in den Blick einer Katze gerät. „Die Kamera sei eigentlich ein Familienmitglied geworden“, sagt Tiphanie Kim Mall über „Echo der Zeit“. „Man lernt ihre Präsenz zu akzeptieren.“ Und so gewährt die Kamera einen intimen Einblick in ihr Leben, verlässliche narrative Strukturen stellt sie dennoch nicht her. Klar, wir alle wissen um die Eigendynamiken von Familien, doch können wir uns wirklich einen Reim darauf machen, wer hier wie gut miteinander kann, welche Vorgeschichte ein Streit hat? Kaum – und so bezieht sich Tiphanie Kim Mall zwar auf die Omnipräsenz des Selbstporträts durch soziale Medien, doch weil die Künstlerin diese derart beiläufig produziert, unterläuft sie die Logik des Perfekten. Und weil alles so wie nebenbei dokumentiert wird, gerät dabei das Thema der Überwachung in den Fokus. „Ich habe mich durch meine Katze ausspioniert“, sagt Tiphanie Kim Mall über „Hauskatze“. Alles was sichtbar ist, kann interpretiert werden – es ist nur um einiges charmanter, wenn dabei immer wieder Schnurrhaare einer Katze im Bild sind.