14/09/20

Ein künstlerisches Orakel

Die Gruppenschau „Was, wenn ...?“ im Nürnberger Neuen Museum befragt die Kunst nach ihren Utopien

von Nora Gantert

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Cao Fei, Whose Utopia, 2006, Courtesy the artist, Vitamin Creative Space & Sprüth Magers, Courtesy the artist, Foto: Neues Museum, Nürnberg
Was, wenn wir Europa neu definieren würden? Was, wenn die gesamte Weltbevölkerung in einer Megacity leben würde? In der internationalen Gruppenausstellung „Was, wenn…?“ wird Kunst, Architektur und Design auf seine Zukunftsfähigkeit befragt. Es kommt eine ganze Bandbreite an Themenkomplexen zur Sprache, wie ein Neudenken von Staaten, Städten, und wie das Verhältnis zu Technik, Natur und Arbeit aussehen könnte. Die Ansätze und Antworten sind vielfältig, wobei der positive Grundton der Ausstellung auffällt, kippen doch sonst Zukunftsszenarien oftmals ins Düster-Dystopische. Richard Saage, der Utopieforscher und Politikwissenschaftler, forderte positivere Ideen für die Zukunft, dieser Sichtweise verpflichtet sich die Ausstellung und macht sich so frei von den oft beschworenen düsteren Prognosen.

Wie sich die Menschen die Zukunft vorstellen und wünschen war schon immer ein Richtungsmesser für aktuelle gesellschaftliche Themen und so treten zeitgenössische Positionen mit Arbeiten aus den 1960er und 1970er Jahren in einen fruchtbaren Dialog und zeugen von Witterungs- und Alterungsprozessen der künstlerisch-utopischen Ideen. Nam June Paiks (1932-2006) gemeinsame Videoarbeit mit John Godfrey „Global Groove“ (1973) imaginiert eine Welt, in der jeder Zugang zu Fernsehen hat und somit an der Gestaltung der Zukunft unmittelbaren Anteil hat. Mit der heutigen Omnipräsenz des Internets, seiner Fülle an Informationen und Bildern, wirkt Paiks Utopie als überholt und macht die zeitliche Distanz deutlich, mit der wir auf sein Werk schauen. Wollte er noch in die Zukunft weisen, verdeutlicht seine Arbeit im heutigen Kontext die gelebte Zeit, die seitdem vergangen ist und regt zum Nachdenken über technologischen Fortschritt an. Liam Young (*1979), seines Zeichens spekulativer Architekt, hingegen zeigt mit „Planet City“ (2020) eine Zukunftsvision der Extraklasse. Die Kamera schwebt durch eine computeranimierte Stadt, an den Balkonen schaukeln chinesische Lampions in der Luft, die Sonne geht gerade unter, so dass die endlosen, labyrinthischen Häuserschluchten und verschachtelten Wohnkomplexe in rosa und lila Licht getaucht sind. Es ist Youngs Vision einer Megastadt, in der die gesamte Weltbevölkerung lebt. So würde sich die destruktive Macht des Menschen auf nur einen Ort der Welt beschränken, der Rest des Planeten bliebe der Natur überlassen. „Whose Utopia“ (2006) der Künstlerin Cao Fei (*1978) fragt hingegen nach der sozialen Komponente von Produktion und Lohnarbeit. In der mittlerweile fast ikonischen Videoarbeit öffnet Cao Fei Einblicke in eine Osram-Fabrik in Chinas Perlflussdelta. Lange, ruhige Einstellungen porträtieren die Arbeitenden und die Maschinen gleichermaßen. Die Gesichter der Arbeiterinnen und Arbeiter blicken mal selbstbewusst, mal schüchtern in die Kamera. Das sind die Personen, die die Gebrauchsgegenstände produzieren, die wir auch hier massenhaft kaufen. Cao Fei lud die Belegschaft ein, ihre Hobbys und ihre privaten Träume mit in die Firma zu bringen. Es entstanden Bilder von Balletttänzerinnen zwischen Industriemaschinen, Taiji praktizierende und musizierende Menschen, an einem sonst so entmenschlichten Ort und es stellt sich die Frage, wer das Recht hat auf Selbstverwirklichung in der kapitalistischen Welt. Alexandra Daisy Ginsberg (*1982) steuert mit zwei Arbeiten Visionen neuartiger biotechnologischer Produktionsmechanismen bei. „The Wilding of Mars” (2019) und „Growth Assembly“ (2009) gehen gedanklich in eine post-natürliche Welt und weisen den Weg zu Produktionstechniken, ohne dabei den Planeten auszubeuten.

Im Foyer des Museums ist das vegetabile Ufo „B.U.D.“ des Nürnberger Künstlerduos Böhler & Orendt (*1981/*1980) gelandet. Steile Stufen führen hinauf in eine große hellgrün-rosafarbene Blütenknospe, im Inneren ist es dunkel und eine Stimme lockt: „Don’t be scared, things are going the way they should, you are on the right way…“ – kolorierte Zeichnungen nehmen den utopischen Topos der anderen Spezies auf, die uns in eine bessere Zukunft führt. Welche unserer heutigen Utopien einmal als prophetisch oder als bloße Fantasie gehandelt werden, wird uns erst die Zukunft zeigen.    

 

Was, wenn ...? Zum Utopischen in Kunst, Archi­tek­tur und Design.
Neues Museum
Luitpoltstr. 5, Eingang Klarissenplatz, Nürnberg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 20. September 2020.

 

 





Neues Museum