16/07/20

Der Landschaft nachschaffen

Im Freiburger Morat- Institut sind großformatige Island-Bilder von Marianne Hopf zu sehen

von Christiane Grathwohl-Scheffel

mariannehopf.jpgMarianne Hopf, Cosmic Earth, Installationsansicht Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft, Freiburg, 2020, Foto: Roland Buck

In den von der Sommerhitze aufgewärmten Hallen des Freiburger Morat-Instituts für Kunst und Kunstwissenschaft werden die Besucher erwartet von Bildern, die kühlen. Sie sind einem großen Thema gewidmet: Island. Die im Nordatlantik liegende von Wasser und Eis, von windgepeitschten Felsen, von heißen Quellen und Geysiren geprägte Landschaft ist der Ausgangspunkt für die Bildserien der in Lahr lebenden Malerin Marianne Hopf (*1959).  Mit den großformatigen, quadratischen Acrylbildern auf Leinwand bespielt sie die mittlere und die südliche Halle. In den Nebenräumen werden ihre Zeichnungen gezeigt und kleinformatige Gemälde, alle zum gleichen Thema. Diese Konzentration auf Islandmotive bekommt der Präsentation, ebenso wie der weitgehende Verzicht auf Farbigkeit. Eine fast urzeitliche, vom Menschen unberührte, übermächtige und eigenständige Natur tut sich in den grau-schwarz-weißen und teilweiße leuchtend blauen Gemälden auf. Ohne direkt abbildend zu sein spiegeln die Bilder eine Größe und Eigenständigkeit, die von einer ständig in Bewegung befindlichen, sich verändernden, von rauen Elementen bestimmten Landschaft erzählen.

In zwei Reisen, die Marianne Hopf zusammen mit der Gießener Kunsthistorikerin Susanne Ließegang 2016 und 2018 unternommen hat, konnten nicht nur verschiedene Jahreszeiten in Island erlebt werden, sondern auch die unterschiedlichsten geographischen Gegenden. Auf ihren Wanderungen und Ausflügen wurde nicht gezeichnet oder aquarelliert, aber viel fotografiert und das Gesehene tief „eingesogen“. Die Kohlezeichnungen, Aquarelle und Skizzen sind später im Atelier entstanden. Die erste Bildserie „Cosmic Earth“ folgte nach der Rückkehr nach Deutschland 2016. Die extremen Gegensätze des Erlebens, die tiefen Eindrücke, die Island hinterlassen hat, sind sozusagen frei assoziierend in die Malerei eingeflossen. Die Lichter am Himmel, die Dunkelheit der Erde, das Eis, alles wurde als fließend wahrgenommen und fand seinen Ausdruck in der dünnflüssig über die Leinwand geschütteten Acrylfarbe, die immer wieder von Pigmenten aufgeraut und angedickt ist. Die großartige Landschaft wird nachgeschöpft. Sie speist sich aus der Erinnerung, komplexen Sinneswahrnehmungen und dem individuellen malerischen Gestus. Nach der zweiten Islandreise 2018 entstand eine weitere Bildserie, die mit „Eis-Wandlung“ betitelt ist und bis heute anhält.

Im englischen Titel des Katalogs „Landscaping“ steckt das Tun drin. Nicht nur Landschaft (ab)malen, sondern Landschaft (neu)schaffen. „Landscaping“ kann auch als Landschaftsbau übersetzt werden und das Bauen von Landschaften scheint sich bei Marianne Hopf auch in ihrer Vorliebe für das Leporello auszudrücken. So zeigt sie in dieser Ausstellung verschiedene Exemplare dieser speziellen Form des gefalteten Skizzenbuchs, das wie eine Ziehharmonika aufgefaltet werden kann. Einzelne Skizzenblätter – meist sind es Kohlezeichnungen – werden aneinandergereiht und zusammengeklebt, auch Aquarelle werden auf diese Weise zu breiten Panoramaansichten der Landschaft zusammengefügt. Ein fester Karton an Vorder- und Rückseite, lässt es, wieder zusammengefaltet, wie ein Buch erscheinen. Auch im großen Format wird diese Idee in der Ausstellung umgesetzt. Sechs jeweils 2,60 Meter im Quadrat messenden Bilder bilden ein Riesenleporello in der mittleren Halle. Wenn also Mozarts Opernfigur der Diener Leporello seinem Herrn Don Giovanni dessen Amouren in einem solchen Falt-Heft aufführt, bekommen wir in Marianne Hopfs Falt-Bildern ihre Impressionen von der wilden, von elementaren Gegensätzen geprägten Natur Islands vor Augen geführt. Diese Insel scheint ein Ort ‒ eine Verkörperung ‒ der Schöpfungsgeschichte zu sein.

Marianne Hopf, Mehr als eine Welt.
Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft
Lörracher Str. 31, Freiburg.
Öffnungszeiten: Samstag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 31. Oktober 2020.