24/02/10

Neu im Regal

Die Monografie eines bedeutenden Jahres und weitere sehens- und lesenswerte Bände vom Kunstmbuchmarkt.

von red.

Die Monografie eines bedeutenden Jahres und weitere sehens- und lesenswerte Bände vom Kunstmbuchmarkt.

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1968 – die Große Unschuld, hrsg. von Thomas Kellein, Dumont 2009, 576 S., 49,90 Euro, 83.00 CHF
Natürlich gibt es auch in der Kunst Jahre der Entscheidung. 1915 zum Beispiel, als Kasimir Malewitsch mit seinem „Schwarzen Quadrat“ den Schritt zur totalen Abstraktion ging und Marcel Duchamps Ready-mades den Grundstein zur Erfolgsgeschichte der Konzeptkunst legten. Oder 1954, das Jahr, in dem das japanische Kollektiv Gutai die Kunst von ihrem Material befreite und sie in Performances überführte, von denen nichts blieb, als die Erinnerung. Und was ist mit 1968? Sicher läge es nahe, auch hier den großen Umbruch zu vermuten. Doch so entscheidend das Jahr der Revolte für die Entwicklung der europäischen Gesellschaften gewesen sein mag – in der Kunst herrschte eher eine Atmosphäre der Einkehr. Kein Wunder, denn die Weichen für die Subversion des herrschenden Systems waren hier schon in den frühen 60er Jahren gestellt: mit dem Proto-Punk-Urbanismus der Situationisten, der Automatisierung künstlerischer Produktion in Andy Warhols Factory oder den ersten Happenings im Umfeld des Wiener Aktionismus. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist Thomas Kelleins Kunstgeschichte des Jahres 1968, die anlässlich der Bielefelder Ausstellungen „Die Große Unschuld“ erschien, eine kleine Sensation. Denn die Konzentration auf die Zeitspanne eines einzigen Jahres hat einen entscheidenden Vorteil: sie erlaubt eine Art Nadelöhr-Perspektive auf die wichtigsten Strömungen und Ideen, die in der Kunst der 60er Jahre virulent geworden waren, großenteils aber erst nach dem Sommer der Liebe vom lockeren Experimentierstadium in den kunsthistorischen Kanon wechselten. In packenden Essay und knappen Werkporträts von über 200 KünstlerInnen gibt Kelleins Buch einen umfassenden Einblick in das Kreativlabor der Gegenwartskunst, dessen Versuchsanordnungen bis heute nachwirken. 1968 war das Jahr, in dem die Land Art den Kunstraum und die italienische Arte povera den Materialbegriff neu definierten. Bruce Nauman entdeckte seinen Körper als Leinwand, Sigmar Polke die Parodie als Strategie und Anselm Kiefer den Hitlergruß als rostiges Scharnier zwischen Geschichte und Gegenwart. Eva Hesse fütterte die Minimal Art mit eigenen Erfahrungen zu Tode und während sich Künstler wie Roman Opalka oder Hanne Darboven in radikal individuelle Kunstsysteme verstrickten, gründete Joseph Beuys seine eigene Studentenpartei. Ein Jahr später eröffnete Adorno seine „Ästhetische Theorie mit dem berühmten Satz: „Zur Selbstverständlichkeit wurde, dass nichts, was die Kunst betrifft, mehr selbstverständlich ist, weder in ihr noch in ihrem Verhältnis zum ganzen, nicht einmal ihr Existenzrecht.“
Dietrich Roeschmann


Andreas Schmidt, The City, Hatje Cantz, 2009, 144 S., 35,00 €, 59.00 CHF

Sie gehören zu den Bildern des Jahres 2008, die sich eingebrannt haben: die Banker mit ihren Pappkisten voll jener Habseligkeiten, die sie aus dem Wirtschaftscrash retteten. Andreas Schmidts Porträt des Londoner Finanzzentrums kommt ohne sie aus. Schmidts nachts aufgenommenen Fotos bleiben menschenleer, fast scheint es, das Wirtschaftszentrum komme in diesen Stunden zu sich selbst. Mehr für die Ewigkeit als für die, die hier arbeiten, scheint diese Architektur gemacht zu sein. Es spricht für das Selbstbewusstsein der ökonomischen Klasse, dass die City nicht nur geografisches Zentrum Londons ist, sondern sich auch so benannt hat. Es ist ein historisch verbürgtes Selbstbewusstsein. Bereits die von Sir John Soane im späten 18. Jahrhundert entworfene Bank of England wirkt wie eine uneinnehmbare Festung. Antike Säulen sind Mauern vorgeblendet, Türöffnungen führen nicht nach innen, auf einer schweren Eisentüre sind zwei Löwen zu erkennen, die Schlüssel in ihren Klauen halten, von einer Türklinke ist nicht zu sehen.
Heute baut man in Glas und Stahl und einige der architektonischen Wahrzeichen der City, wie etwa Norman Fosters Turm für Swiss Re ist auch dort in London zu sehen, wohin die Finanzströme nie hingelangen werden. Andreas Schmidts Fotografien, die er kurz vor der Krise aufgenommen hat, sind Machtdemonstrationen. Sie funktionieren über das Moment des Ausschlusses und der Vervielfältigung. Sperren regulieren den Zugang in Foyers oder Flure. Die City spiegelt sich in sich selbst, so reflektieren die gläsernen Fassaden Logos. Das System glaubte, hermetisch zu sein.


Olaf Otto Becker, Above Zero, Hatje Cantz 2009, 176 S., 58,00 Euro, 99 CHF
In etwa wird Olaf Otto Becker geahnt haben, auf was er sich einlässt. Zwischen 2003 und 2006 bereiste der Fotograf gut 4.000 Kilometer Grönlandküste. Als er 2007 mit Georg Sichelschmidt zurückkehrte, um Porträts von den Schmelzflüssen des gronländischen Inlandeises zu machen, brauchten sie allein zehn Tage, um zu ihrem Ausgangspunkt zu gelangen. Für das, was sie sahen, gibt es noch nicht einmal Worte. Quelle und Mündung, denkt man angesichts des Anfangs und Endes dieser türkisfarbenen, atemberaubend schönen Wasserströme. Doch im eis ist alles anders. Die Flüsse entstehen aus Löchern, in denen das Eis zu schmelzen beginnt und sie enden in Gletschermühlen, die trichterförmig in das Innere des Eises führen. Mal fällt das eis sauber gekantet in das türkisblaue Band, mal hat der Fluss sanfte Bögen in das Eis gefressen. Und Doch ist der Film auf dem Eis nicht zu übersehen. Es ist Industriestaub, der sich hier ablagert und der zudem ein stärkeres Abschmelzen des Eises bewirkt. Beckers Aufnahmen vom Inlandeis sind nicht von dieser Welt und doch so sehr von dieser Welt.
Annette Hoffmann