01/07/20

Begehbares Modell von Erinnerung

Marc Camille Chaimowicz hat die Kunsthalle Bern auf charmante Weise vollgeräumt

von Dietrich Roeschmann

marcchaimowiczbern.jpg

Marc Camille Chaimowicz, Celebration? Realife Revisited, 1972-2000, Foto:  Gunnar Meier, Courtesy Migros Museum für Gegenwartskunst
Natürlich konnte niemand ahnen, dass bald alles sehr häuslich werden würde, als Marc Camille Chaimowicz (*1949) im Februar seine Ausstellung in der Kunsthalle Bern einrichtete – oder sollte man besser sagen: möblierte? Tatsächlich sind die Säle der großzügigen Villa über der Aare derzeit auf bemerkenswert elegante Weise vollgeräumt. Die Wände schimmern in zurückhaltenden Pastelltönen und liefern von Raum zu Raum in Farbtemperatur wechselnde Kulissen für sorgfältig arrangierte Settings aus Lampen und Tischen, Vitrinen und Vorhängen, Regalen und Podesten. Jeder Raum trägt eine Überschrift. Gleich im Entrée, das Chaimowicz als Avant Propos (Vorwort) ausweist, lehnen neben einer Vase und einem Klavierhocker zwei große Marmorplatten in grünlicher Maserung an der Wand, daneben die Schwarzweiß-Fotografie einer Wüstenlandschaft von Balthasar Burkhard, Freund von Chaimowicz und einem der wichtigsten Schweizer Fotografen, der vor zehn Jahren in Bern starb. Der Abzug stammt aus dem Katalog der Editionen, die die Kunsthalle Bern herausgibt.

Schon auf diesen ersten Metern legt Marc Camille Chaimowicz die Spur ins Zentrum seines Werkes, das seit langem um die beziehungsreiche Übersetzung eines ganz bestimmten Stilempfindens in atmosphärische Raumbilder kreist und Szenografie als eine Art Erinnerungstechnik nutzt. Seine Interieurs sind eingesponnen in ein dichtes Netz aus literarischen, malerischen und popkulturellen Bezügen – so widmet er in Bern einen ganzen Saal Gustave Flauberts „Madame Bovary“, die Jean Genet und Andy Warhol zu Gast hat –, zugleich aber sind sie immer geerdet in persönlichen Beziehungen. Davon erzählen nicht nur seine Entwürfe von Tapeten und Auslegware für ein Haus des Basler Architekten Roger Diener oder die prominente Einbindung von Arbeiten befreundeter Künstlerinnen wie Nancy Brooks Brody (*1962) oder Andréa Sparta (*1997), sondern auch die umfangreiche Korrespondenz des Londoner Künstlers mit Kolleginnen und Kollegen, die hier – auf Hotelbriefpapieren aus der ganzen Welt – explizit nicht als Privatangelegenheit, sondern als Teil des künstlerischen Werks ausgestellt ist. Die Übergänge zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis sind hier ebenso fließend wie die zwischen Dokument und Artefakt, Kunst und Design. Auf seltsam kühle und zugleich melancholische Weise erweist sich Chaimowicz’ Schau so als eine Art begehbares Modell von Erinnerung in sieben Sälen – unterkellert übrigens von der wunderbar lärmenden, funkelnden Disco-Installation „Celebration? Realife Revisited“ von 1972, eine frühe Arbeit des Künstlers, die bis heute bemerkenswert frisch geblieben ist.       


Marc-Camille Chaimowicz
Kunsthalle Bern
Helvetiaplatz 1, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 26. Juli 2020.

 





Kunsthalle Bern