30/06/10

Neu im Regal

Über Krisen der Gegenwart und Vergangenheit, den jungen Hodler und die Fotokunst des Thomas Struth.

von red.

Über Krisen der Gegenwart und Vergangenheit, den jungen Hodler und die Fotokunst des Thomas Struth.

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Christopher Roth & Georg Diez: 80*81 Book Collection Edition Patrick Frey, Zürich 2010, je 128 S., engl., 18 Euro | 27 Franken
Probleme fallen nicht vom Himmel. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, wenn sie plötzlich ihre langen Schatten werfen. Fragt sich nur: Wie entstehen sie eigentlich? Christopher Roth und Georg Dietz sind sich sicher: die Finanzkrise, die Islamismusdebatte und andere gesellschaftliche Konflikte der Gegenwart haben ihren Ursprung in den Jahren 1980/81. Um das zu belegen haben die beiden ein ambitioniertes Kunstbuchprojekt gestartet, das in Unmengen an Bildern, Dokumenten und Interviews überraschende Zusammenhänge zwischen Ronald Reagan, AIDS, dem Ende von Disco und Pop Art und den aktuellen Krisen knüpft. Elf Bände soll die retrovisionäre Kulturgeschichte bis Ende 2010 umfassen. Die ersten vier sind bereits erschienen.
Dietrich Roeschmann


Kunst global, Hg. v. Silvia von Bennigsen, Irene Gludowacz und Susanne van Hagen, Hatje Cantz, Ostfildern 2009, 312 S., 39,80 Euro, 69 Franken
Die Finanzkrise erwischte Silvia von Bennigsen, Irene Gludowacz und Susanne van Hagen kalt. Mitten in ihrer Arbeit an dem Interviewband „Kunst global“ zeigte die Krise, wie global die Kunst, vor allem der Kunstmarkt mittlerweile wirklich ist. Die Gespräche, die die Autorinnen mit Künstlern, Galeristen, Sammlern sowie Kuratoren und Wirtschaftsleuten aus der ganzen Welt führten, dokumentieren die Veränderungen, denen die Kunstszene seit Jahren unterliegt. So spricht aus Ronald S. Lauder das neue Selbstbewusstsein des Sammlers, wenn er privaten Sammlungen die gleiche Bedeutung wie öffentlichen zugesteht. Während Arne Glimcher von Pace Wildenstein Agnes Martin und ihr Diktum zitiert, dass Künstler, die im Atelier an Geld dächten, auch Kunst produzieren, die nach Geld aussieht. Die Global Players der Kunst zeigen sich hier von einer sehr subjektiven Seite.
Annette Hoffmann


Thomas Struth: Photographien 1978-2010, Schirmer/Mosel, München 2010, 282 S., 49,80 Euro | 82 Franken
Es gibt nur wenige Fotografen, bei denen Sachlichkeit und Leidenschaft so nahe beieinander liegen wie bei dem Düsseldorfer Thomas Struth. Egal, ob er Besucher im Louvre fotografiert, seine Kamera im Dickicht des brasilianischen Regenwalds aufstellt oder Sammler- und Künstlerfamilien porträtiert wie alte Herrschergeschlechter: immer ist es die behutsame Arbeit an der perfekten Ordnung, die auf den monumentalen Formaten des 56-Jährigen eine faszinierende Illusion des Augenblicks erzeugt. Anlässlich seiner Retrospektive im Kunsthaus Zürich erscheint nun die erste umfassende Monografie zu Struths Werk mit allen wichtigen Serien von den Siebzigern bis zu seiner neuesten Serie zur „Geschichte des Ehrgeizes“.
Dietrich Roeschmann


Matthias Fischer: Der junge Hodler. Eine Künstlerkarriere 1872-1897, Nimbus, Wädenswil 2009, 550 S., 280 Abb., 54 Euro | 88 Franken
Verständlich, dass die Schweizer Fachwelt seit geraumer Zeit schon an der Rehabilitierung von Ferdinand Hodler arbeitet – oder besser: an der Image-Korrektur eines Künstlers, der während der Nationalisierung der Schweizer Kunstszene gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu ihrem erfolgreichsten und bestverdienenden Superstar aufgestiegen war und mit Ikonen wie „Wilhelm Tell“, dem „Holzhacker“ oder der „Jungfrau über dem Nebelmeer“ für lange Zeit als stolzer Bildlieferant eines erwachenden Nationalgefühls galt. Noch 1994 lehnte der Rowohlt-Verlag eine Anfrage nach Aufnahme Hodlers in die Reihe der rowohlt monografien mit dem Argument ab, der „malende Nationalheld“ sei „eher eine helvetische Spezialität“ und daher für das nicht-schweizerische Publikum wenig interessant. Zu Unrecht, wie spätestens die große Hodler-Retrospektive 2008 im Kunstmuseum Bern gezeigt hat, die die symbolistischen Figurenbilder und die Landschaften des Malers als das lange verkannte Zentrum seines künstlerischen Schaffens ausmachte. Das begleitende Symposium zur Schau räumte zudem mit einigen Mythen um den Künstler auf, etwa mit dem des genialen Autodidakten und des bitterarmen Hungerleiders. Wie sehr Hodler selbst zu dieser Legendenbildung beigetragen hat, erzählt jetzt die spannende, vorbildliche recherchierte Studie des Kunsthistorikers Matthias Fischer über die ersten Jahre seiner Karriere. Gestützt auf Hunderte von zeitgenössischen Quellen zeichnet Fischer hier den Aufstieg des jungen Hodler vom wandernden Kopisten zum selbstbewussten Künstlerunternehmer modernen Zuschnitts nach. Hodler, so legen die Quellen nahe, war ein äußerst erfolgreicher Networker, der in den wichtigsten Kunstsalons von Genf gezielt Zugang zur High Society suchte, mit klarem Kalkül an jedem Wettbewerb teilnahm, bewusst Skandale lancierte oder kontroverse Debatten über seine Bilder lostrat und in jeder Situation die Medien für sich zu nutzen wusste. Fischers lesenwerte Hodlerstudie erscheint als erster Band der Reihe „Quellenstudien zur Kunst“ im ambitionierten Programm des Nimbus-Verlags.
Dietrich Roeschmann

Edition Patrick Frey
Hatje Cantz
Schirmer/Mosel
Nimbus Verlag