01/10/10

Klassiker der Fotografie und Neuentdeckungen

Wir haben die Neuerscheinungen der Verlage gesichtet und Bücher über Fotografie entdeckt.

von red.

Wir haben die Neuerscheinungen der Verlage gesichtet und Bücher über Fotografie entdeckt.

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Stephen Shore: Uncommon Places, Schirmer / Mosel, München 2010, 188 S., 49,80 Euro | 73 Franken
Was für eine Karriere: Stephen Shore ist gerade mal 14 Jahre alt, als das New Yorker Museum of Modern Art seine ersten Aufnahmen ankauft. Mit 17 lernt der junge Fotograf Andy Warhol kennen und lebt drei Jahre in dessen Factory, mit 24 widmet ihm das Metropolitan Museum of Art in New York – als erstem lebenden Fotografen – eine umfangreiche Einzelausstellung. Das Langzeitprojekt „Uncommon Places“ ist sein wohl wichtigstes Werk und längst ein Klassiker der Fotografie. Über Jahre hinweg dokumentierte Shore für den 1982 erschienenen Band in gestochen scharfen Farbaufnahmen die Lebenswelt der amerikanischen Mittelschicht. Es sind Orte des Transits und des Stillstands: Tankstellen und Gewerbegebiete, trostlose Hotelzimmer, verwaiste Bars, Parkplätze vor Shopping Malls. Erstmals wird die legendäre Fotoserie nun vollständig publiziert. Shore nennt sie den „Director's Cut“ seines berühmten Bandes. Wir sehen ein anderes Amerika, befremdend und faszinierend zugleich.
Florian Weiland


Marianne Breslauer 1927-1936, Nimbus Kunst & Buch, Wädenswil 2010, 216 S., 54 Euro | 91 Franken
Es war „die Riess“, die Marianne Breslauer zur Fotografie bringen sollte. 1925 sah sie in der Berliner Kunsthandlung von Alfred Flechtheim eine Ausstellung von Frieda Riess, die das junge Mädchen aus gutem Hause derart beeindruckte, dass Marianne Breslauer Fotografin werden wollte. Mit 18 Jahren begann sie ihre Ausbildung bei der Fotografischen Lehranstalt des Lette-Vereins, zwei Jahre später war sie fertig und wurde in Paris bei Man Ray vorstellig. Er schickte sie weg, schließlich könne sie schon alles. Ihr fotografisches Werk umfasst gerade einmal neun Jahre, 1936 emigrierte die Jüdin, erst nach Amsterdam, dann in die Schweiz, wo sie zusammen mit ihrem Mann Walter Feilchenfeldt erfolgreich in den Kunsthandel einstieg. Die Ausstellung, die zuerst in der Fotostiftung Winterthur und nun in Berlin zu sehen ist, umfasst diese beiden Orte Marianne Breslauers und sie macht die Faszination der Fotografie gerade für Frauen deutlich. Versprach die (Presse- und Magazin-)Fotografie doch Partizipation am modernen, großstädtischen Leben und Reisen. Marianne Breslauer fotografierte in Berliner Akrobatikschulen, auf Pariser Plätzen und im alten Berliner Westen. Vor allem aber den neuen Typus Frau, den sie selbst verkörperte: finanziell und intellektuell unabhängig, elegant, androgyn und mit Bubikopf. Von Annemarie Schwarzenbach, mit der sie nach Spanien reiste, gelangen ihr Porträts, die zu Ikonen geworden sind. Die Nationalsozialisten beendeten Breslauers Karriere bevor sie eigentlich anfing, später sagte sie, hätte sie auf dem Gebiet weitergearbeitet, sie wäre zum Film gegangen.


Yael Ben-Zion: 5683 Miles away, Kehrer Verlag, Heidelberg 2010, 88 S., engl., 36 Euro | 53 Franken
Ob werdende Mütter in der israelischen Armee wohl eine Grundausstattung an Strampelanzügen in Tarnmuster bekommen? Gut möglich, dass Yael Ben-Zion dieses Detail früher nicht aufgefallen wäre. Schließlich war der Anlass ihres Fotobandes „5683 Miles away“ die Konfrontation mit einem Foto aus ihren eigenen Kindertagen. Es zeigt sie als Zehnjährige mit einem Maschinengewehr in der Hand, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres. Jahre liegen zwischen Yael Ben-Zion und diesem Foto, aber auch jene 5683 Meilen, die der John F. Kennedy Airport New York vom Ben Gurion Airport entfernt ist. Geboren wurde Ben-Zion 1973 in Minnesota, aufgewachsen ist sie in Israel. In die USA kehrte sie zurück, um Jura zu studieren und mittlerweile werden ihre Fotografien in Amerika und Europa gezeigt. Ihr Blick auf den Alltag ihrer Freunde und ihrer Familie in Israel ist durch Empathie geprägt. Und doch, oder gerade deshalb, entgeht ihr die Militärisierung des täglichen Lebens nicht: da wirft eine Wäscheleine mit Wäscheklammern ein Stacheldrahtmuster auf ein Unterhemd und überall begegnen ihr Absperrungen. Nur der Himmel ist unendlich. Einmal fotografiert sie ein kleines Strandhaus, an dem ein Lautsprecher und die Landesflagge angebracht sind. Das Meer macht nur einen schmalen türkisfarbenen Streifen aus, über den sich ein unbegrenzter Himmel erhebt. Soviel Freiheit scheint selten geworden zu sein.


Daniela Keiser: Die Kairo Übersetzung
edition fink, Zürich 2010, 56 S., Arab.-Dtsch./Arab.-Engl., 12 Euro | 18 Franken

Die geeignete Art Daniela Keisers Künstlerheft „Die Kairo Übersetzung“ zu lesen, wäre einzelne Bögen auf dem Wüstenboden zu verteilen und zu schauen, was Sand und Wind mit ihnen machen. Die Arbeit ist während eines Stipendienaufenthalts der Baslerin in Ägypten entstanden. Keiser bat damals Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt, Texte zu ihren Fotografien zu schreiben. Entstanden sind zwölf Wechselwirkungen zwischen Bild und Text. Ihre Großaufnahmen aus dem ägyptischen Alltag und ihre Landschaftsfotos haben die Befragten inspiriert, über Grundsätzliches nachzudenken: Tradition und Moderne, Heimat, Liebe, Träume und Verlust. Die Gestaltung trägt dieser Multiperspektive Rechnung. „Die Kairo Übersetzung“ ist kein Buch mit festem Einband, die einzelnen Bögen liegen lose ineinander.
Annette Hoffmann