06/10/10

Die Soloschau unter den Büchern

Kunstbuch Spezial: Monografien und Künstlerbücher aus den aktuellen Programmen.

von red.

Kunstbuch Spezial: Monografien und Künstlerbücher aus den aktuellen Programmen.

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Moyra Davey: Speaker Receiver, Hrsg. v. Adam Szymczyk, Sternberg Press, Berlin/New York 2010, 160 S., 27 Euro | 40 Franken
Künstlerbuch – Anlässlich ihrer Soloschau in der Kunsthalle Basel legt die Kanadierin Moyra Davey nun ein Künstlerbuch vor, das eine schöne Serie enthält. Sie beginnt mit der Aufnahme eines demontierten Lautsprechers; daneben: ein Verstärker auf einem Regal, in das wohlige Licht seiner Kontrolllampen getaucht. Und während sich auf der dritten Fotografie die Nadel eines Plattenspielers durch staubiges Vinyl gräbt, träumt nebenan hinter der transparenten Innenhülle einer LP die früh verstorbene New Yorker Sängerin Laura Nyro vom Cover ihres bahnbrechenden Albums „Eli & The Thirteenth Confession“. So überschaubar diese 4-teilige Arbeit ist, so präzise formuliert sie Daveys Interesse. Selten kommen sich Foto- und Fonografie so nahe wie in dem komplexen, intimen Werk der 52-Jährigen, das um die in Medien gespeicherte Zeit als Spur des Körpers kreist und um die Zeit, die die konservierte Information dem Körper wiederum zu ihrer Entzifferung abnötigt. So werden Plattenregale zu Biografiecontainern und Fotografien verwandeln sich in von Licht geschriebene Geschichten, die Davey, zu leeren Couverts gefaltet, um die Welt schickt, um auf dem Postweg Spuren für ihre Empfänger zu sammeln.
Dietrich Roeschmann


Bernd Völkle & Klaus Theweleit: Regal, modo Verlag, Freiburg 2010, 80 S., 21,80 Euro | 34.90 Franken
„Leben ist tödlich!“, mit diesen Worten übermalte einmal Bernd Völkle den Warnhinweis „Rauchen kann tödlich sein“ auf einer Zigarrenkiste, die er häufig als Bildträger verwendet. Über die letzten 15 Jahre hat er eine ganze Ahnentafel populärer Raucher- und Nichtraucher auf Havannakisten und kleinen Keilrahmen in einem Rollregal versammelt. Nietzsche, Jelinek, Rihm und Warhol finden sich vereint mit Riefenstahl, Ikemura, Verdi und Courbet. Der Kunsttheoretiker Klaus Theweleit sprach mit Völkle über seinen bildnerischen Setzkasten. Nun wurde das Interview mit Reproduktionen der skulpturalen Bilder zwischen zwei dicke Pappdeckel eines Büchleins im Zigarrenkistenformat gepresst. Durchsetzt ist das lockere Gespräch über Kunst- und Weltgeschichte mit unapodiktischen Auszügen aus Wikipedia. So ist das „Regal“ – ganz nach seinem Palindrom – ein Lager persönlich gefärbter Bildgedanken und luftiger Assoziationen gespeist vom Rauch vieler Zigarren.
Sören Schmeling


Paul McCarthy's Low Life Slow Life, Hatje Cantz, Ostfildern 2010, 648 S., 49,80 Euro | 73 Franken
In der Verpackung eines Waschmittelkartons verbirgt sich ein außergewöhnliches Künstlerbuch. Und das ist nicht die einzige Überraschung. Ursprünglich als Begleitpublikation zu zwei von ihm kuratierten Ausstellungen entstanden, entpuppt sich der 650 Seiten dicke Band als großartiges Bilder-Buch, in dem Paul McCarthy eine sehr persönliche, oft willkürlich anmutende Auswahl von Künstlerporträts, Buch- und Schallplattencovern, Zeitungsartikeln, Plakaten und Comics präsentiert, die ihn geprägt haben. Ein Deutungsversuch dieser überbordenden „Autobiographie in Bildern“ findet sich nebst Interview im Anhang.
Florian Weiland


Miao Xiaochun: 2009-1999, DuMont, Köln 2010, 34,95 Euro | 52 Franken
Miao Xiaochun (*1964 Wuxi) zählt zu jenen chinesischen Künstlern, denen eine ästhetische Verbindung zwischen westlicher und östlicher Kultur gelingt. Anhand der reich bebilderten Werkserien dieses Buchs werden seine Neubefragungen von Renaissancebildern wie Michelangelos „Jüngstes Gericht“ (1533-41) oder Cranachs „Jungbrunnen“ (1546) ebenso deutlich wie sein Einsatz einer reflexiven chinesischen Gelehrtenfigur in Fotografien von Deutschland und China. Die Texte zeigen die medialen Strategien des Künstlers auf, der sowohl digitale Fotografien zu einem Bild zusammenfügt als auch computergenerierte Bilder schafft und dabei durch seinen an chinesischer und westlicher Kunstgeschichte geschulten Blick die Mehrperspektivität der traditionellen chinesischen Rollbilder in moderner Form umzusetzen versteht.
Yvonne Ziegler


Alexandra Barcal | Roman Signer: Skizzen und Modelle, Schwabe AG, Basel 2010, 86 S., 24,80 Euro | 35.90 Franken
Nicht selten fauchen und spritzen Roman Signers Arbeiten. Das Werk des 1938 geborenen Schweizer Künstlers ist in Bewegung, Skulptur ist für ihn, wenn sich Dinge beschleunigen und verändern. Wie sich das mit der Stille einer Zeichnung verträgt? „Es ist bezeichnend für Signers Bildentwürfe, dass sie epische Fortsetzungen in sich bergen, dass sie ein Weiterdenken eines Anstosses implizieren“, schreibt Alexandra Barcal von der Graphischen Sammlung der ETH Zürich im Katalog zu Signers Skizzen und Modellen. Die Sammlung beherbergt ein Konvolut dieser Zeichnungen, die zugleich autonom und Planskizze sind. Den gelernten Bauzeichner lassen sie nicht erkennen, häufig wirken sie wie flüchtig hingeworfen, zeigen einen Prozess durch verschiedene Einzelbilder. Ergänzt werden diese Skizzen durch Modelle von Signers Arbeiten. Nicht alle wurden verwirklicht, doch einige erkennt man wieder.
Annette Hoffmann


Nina Canell: Evaporation Essays, Distanz Verlag, Berlin 2010, 160 S., 29,90 Euro | 44.90 Franken
Sicher sind 80 Blatt Papier zwischen zwei Pappdeckeln nicht das beste Medium, um sich einen Eindruck von den unwiderstehlich zarten und spannungsreichen Installationen der jungen Schwedin Nina Canell zu verschaffen. Dennoch: eine angemessenere Einführung in ihr Werk hätte man sich kaum wünschen können. In ihren Arbeiten arrangiert die 31-Jährige unterschiedliche Alltagsobjekte, Materialien und Geräte mit Fundstücken aus der Natur zu visuell und akustisch erfahrbaren Laborsituationen über Prozesse der Veränderung. Glimmende Neonröhren, die wie Wäsche zum Trocknen im Raum hängen, brummende Melonen unter Strom oder eine zwischen Decke und Boden schwebende Säule aus Ventilatoren, die sich gegenseitig Wind unter die Flügel schaufeln werden so als poetische Metaphern auf die unsichtbaren Bewegungskräfte des Lebens lesbar. Ab Oktober sind einige ihrer Arbeiten in der Ausstellung „Under Destruction“ im Basler Tinguely Museum in Echtzeit und -raum zu erleben. Hingehen!
Dietrich Roeschmann

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