20/10/10

Von Oral History zu Ideologien des Alltags

Zwischen Oral History und Ideologien des Alltags gibt es unter den aktuellen Verlagsneuerscheinungen einiges zu entdecken.

von red.

Zwischen Oral History und Ideologien des Alltags gibt es unter den aktuellen Verlagsneuerscheinungen einiges zu entdecken.

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Creamier. Contemporary Art in Culture, 10 Curators, 100 Contemporary Artists, 10 Sources, Phaidon Verlag, Berlin 2010, 300 S., 39,90 Euro | 62 Franken
Alle drei Jahre stellt Phaidon unter dem Titel „Cream“ hundert aufstrebende Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart vor. Ausgesucht von zehn internationalen Kuratorinnen und Kuratoren bewegt sich die Top100-Liste zwar meist eng an den aktuellen Ausstellungsprogrammen der Jury-Mitglieder entlang, die Bandbreite der vorgestellten Positionen ist dennoch bemerkenswert. Jetzt liegt die neueste Ausgabe vor: als Loseblattsammlung in Zeitungsformat, gedruckt auf dem lachsfarbenen Papier einschlägiger Börsenzeitungen. Man kann diese lässige Abkehr vom Medium der gebundenen Enzyklopädie getrost als Ausdruck eines selbstbewussten Understatements werten, das die junge Kunstszene derzeit zwischen New York, L.A., Berlin und London an den Tag legt. Von Krise ist hier nichts zu spüren, viel dagegen von Aufbruch – und von einem deutlichen Hang zum Hybriden und Prekären, zur performativen Reflexion der Bedingungen künstlerischer Arbeit und zu verschiedenen Strategien des Sozialen. Im Zentrum stehen dabei die Medien Performance, Installation, Film und Feldforschung. Auffallend – wenn auch kaum überraschend – ist, dass die Malerei dabei inzwischen ziemlich unter die Räder gekommen ist. Nur vier der 100 Newcomer arbeiten mit dem Pinsel, und auch die sind eher an konzeptuellen als an malerischen Fragen interessiert. Das ist durchaus im Sinne John Baldessaris, dessen „Commissioned Paintings“ von 1969 hier als zentraler Referenzpunkt aktueller Malerei gewürdigt werden. Die bei Hobbykünstlern in Auftrag gegebenen Bilder von Fingern, die auf banale Dinge zeigen, standen damals am Anfang einer Malerei, die sich mit konzeptuellen Strategien als Forschungsinstrument der Visual Culture etablierte.
Dass sich die Herausgeber von „Creamier“ nicht damit zufrieden geben, die Hot Shots der gegenwärtigen Szene zu listen, sondern die historischen Blaupausen für die aktuellen Entwicklungen in einem gesonderten Kapitel („Sources“) gleich mitliefern, unterscheidet den Band wohltuend von den anderen atemlosen Trendbibeln des Kunstbuchmarktes.
Dietrich Roeschmann


Intimacy! Baden in der Kunst, Wienand Verlag, Köln 2010, 320 S., 49,80 Euro | 73 Franken
Voyeurismus, Intimität, Selbstvergessenheit: Wenn sich Künstler dem Thema Baden annehmen, ist die Bandbreite groß. Im ausgehenden Mittelalter träumte man vom Jungbrunnen, während orgiastische Badeszenen im Harem die Fantasien der Europäer im 19. Jahrhundert beflügelten. Der Band ist prachtvoll illustriert und räumt auch zeitgenössischen Künstlern großen Raum ein. Diese setzen neue Akzente, greifen aber gerne auch auf klassische Vorlagen zurück und interpretieren sie mit frechem Hintersinn. „Intimacy!“ ist dennoch weit mehr als eine bloße Motivgeschichte. Hier wird zugleich ein hochinteressantes Kapitel der Kulturgeschichte aufgearbeitet.
Florian Weiland


Everyday Ideologies, Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2010, 141 S., 22 Euro | 38 Franken
Zugegeben der sozialistische Realismus war eine Sackgasse, doch immer wieder kreist die Kunst um ihr Verhältnis zur Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die sich nicht von selbst versteht, sondern überhaupt erst ausgehandelt werden muss. Der Katalog „Everyday Ideologies“ dokumentiert nicht nur die Positionen der gleichnamigen Magdeburger Ausstellung, er ist auch ein nicht ganz alltäglicher Materialfundus. Der Band umfasst Interviews mit Tobias Zielony über sein Projekt mit Jugendlichen „Behind the Block“, Jörg Herolds Erfahrungen mit Heimkindern in Venezuela und Statements von Karin Kneffel und Juan Muñoz und gibt so Einblick in die Standortsuche der Künstlerinnen und Künstler.
Annette Hoffmann


Interviews: Oral History in Kunstwissenschaft und Kunst, Hrsg. v. Dora Imhof und Sibylle Omlin, Verlag Silke Schreiber 2010, 160 S., 24 Euro | 36 Franken
>Das Interview gehört längst zu den beliebtesten Gattungen der Kunstkritik. Logisch: Hier gibt es alles aus erster Hand, in Publikumsmagazinen gar samt Porträtfoto in Atelieratmo. Das Interview ist ein klassisches Win-Win-Format: Künstlern bietet es die optimale Plattform zur Präsentation ihrer Ideen, den Medien und ihrem Publikum einen Einblick in das vermeintlich abgeschottete Terrain der Kunst, um dort doch noch das Leben zu entdecken. In der Kunstgeschichte hingegen wird das Künstlergespräch erst seit wenigen Jahren ernst genommen. Dora Imhof und Sibylle Omlin stellen in dem von ihnen herausgegebenen Band nun erstmals den aktuellen Stand der Forschung vor. Anlass ihrer ergiebigen ExpertInnenrunde sind zwei Forschungsprojekte, die 2007 nahezu zeitgleich starteten: während das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft zehn junge KünstlerInnen aus der Schweiz detailliert zu ihrem Werk, ihren Ideen und Arbeitsbedingungen befragte, befassten sich Studierende an der ZHdK mit dem Aufbau eines Oral History Archivs für zeitgenössische Kunst. Vorbild für beide Projekte ist das legendäre, seit 1958 bestehende Archive of American Art (AAA), das heute komplett im Netz verfügbar ist und beständig erweitert wird. Ein Klick lohnt sich.
Dietrich Roeschmann

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