23/04/20

Netzkunst war immer schon kritisch

Das Basler HeK ist Partner der Online-Schau "We=Link. Ten easy pieces", die auf die Corona-Krise reagiert. Ein Interview

von Annette Hoffmann

teneasypieces.jpgeGovernment.or.Kr., Yagachi, 2003/19

Gerade nichts los? Nicht ganz. In Zeiten des social distancing wird das Netz als Ort der Kunst wiederentdeckt und auch sein kritisches Potential. Das Basler HeK ist Teil eines internationalen Netzwerks, das der Ausstellung "We Link = Ten easy pieces" Sichtbarkeit verschafft. Die Initiative ging vom Chronus Art Center in Shanghai aus. Annette Hoffmann spracht mit der Leiterin des HeK Sabine Himmelsbach über das Projekt.

Artline: China wird derzeit wegen fehlender Transparenz zu Beginn der Pandemie kritisiert. Die internationale Online-Schau „We Link = Ten easy pieces“ ist eine künstlerische Reaktion des Shanghaier Chronus Art Center und seines Kurators Zhang Ga und einige der zehn Arbeiten äußern sich kritisch gegenüber China. Frau Himmelsbach, wie geht das damit zusammen, dass China sein Bild in der Öffentlichkeit in der Corona-Krise gerade stark kontrolliert.
Sabine Himmelsbach:
Netzkunst ist immer schon kritisch gewesen. Für die Ausstellung wurden Künstlerinnen und Künstler mit neuen Arbeiten beauftragt, die sich konkret mit der Corona-Krise beschäftigen. Ich kann mir das nur so erklären, dass diese Werke unter dem Radar sind oder sie einen Ton getroffen haben, der derzeit nicht in der Kritik steht. Ich war letztes Jahr beratend für eine Ausstellung in Wuzhen tätig und da war die Zensur kein Thema, beziehungsweise scheinen sich die Themen, was zensiert wird regelmässig zu verändern. „We = Link. Ten easy pieces“ ist ein internationales Projekt, es ist ein Akt globaler Solidarität, für den mehrere Institutionen weltweit zusammengespannt haben. Manche haben Geld beigesteuert, andere das Projekt ideell unterstützt oder fungieren als Partner, die ihre eigene Community einbringen und das Projekt weiter verbreiten.

Artline: „We Link = Ten easy pieces“ ist nicht die erste Zusammenarbeit mit dem Chronus Art Center. Wie kam diese zustande?
Himmelsbach:
Wir kennen uns gut, ich bin im Advisory Board des Chronus Art Center und habe dort auch schon das Programm des HeK vorgestellt. Der künstlerische Leiter Zhang Ga und ich haben mit „unReal“ bereits eine gemeinsame Ausstellung realisiert, die zuerst bei uns stattgefunden hat und danach im Chronus Art Center zu sehen war. Daher bestehen enge Verbindungen und so lag es nahe, da wir auch inhaltlich ähnlich aufgestellt sind, mich auf eine Beteiligung am Projekt anzusprechen.

Artline: Welchen Stellenwert hat die elektronische Kunst in China, befindet sie sich auch unter dem Radar chinesischer Behörden?
Himmelsbach:
Das Chronus Art Center basiert auf einer privaten Trägerschaft, die dem Center totale künstlerische Freiheit gewährt. Es ist also kein staatliches Projekt. Im Vergleich zu den großen Museen in Shanghai ist das Chronus Art Center ein eher bescheidenes Haus.

Artline: Ist die Medienkunst prädestiniert für ein solches Projekt? In vielen Arbeiten drückt sich die Angreifbarkeit unseres Körpers aus wie wir sie derzeit ganz real erfahren.
Himmelsbach:
Für mich ist die Netzkunst die Kunst für diesen Moment. In Shanghai startete der Aufruf bereits im Februar als es noch nicht absehbar war, dass es auch in Europa derartige Einschränkungen durch den Virus geben wird. Zum Internet haben wir auch dann Zugang, wenn unsere Institutionen geschlossen sind. Global findet derzeit ein Revival der Kunst im Netz statt; mit „Well Now WTF“ gibt es eine weitere Online-Ausstellung, die auch sehr viel Aufmerksamkeit bekommt. Zu sehen sind Werke, die jetzt in der Krise entstanden sind, aber auch Arbeiten aus den Frühzeiten der Netzkunst. Mit dem Netz als Ort der Kreativität werden auch Arbeiten aus den 1990er Jahren wieder entdeckt.

Artline: Aber dann könnte man ja denken, dass elektronische Kunst gar kein eigenes Haus braucht.
Himmelsbach:
Ich denke, es braucht in der Kunst jemanden, der eine Auswahl trifft und für die netzbasierte Kunst eine Plattform und Sichtbarkeit schafft. Im HeK haben wir diesen Fokus auf das Digitale. Drei Jahre konnten wir auch in Kooperation mit dem Kunstbulleton Preis für netzbasierte Kunst vergeben, den „net_based Award“, der auch für mehr Öffentlichkeit für diese Kunstform sorgte. Ich glaube, dass Künstlerinnen und Künstler diese institutionelle Unterstützung brauchen, um sichtbar zu werden. Das HeK baut auch eine Sammlung von netz- und softwarebasierter Kunst auf. Es würde viel an Kultur verloren gehen, wenn wir als Institutionen diese Arbeiten nicht erhalten.

Artline: Wenn Sie wie geplant Anfang Juni wieder eröffnen, worauf freuen Sie sich am meisten?
Himmelsbach:
Auf den Austausch mit unserem Publikum! Es ist schön, dass uns aktuell auch über unsere Online-Vermittlungsangebote viele E-Mails mit positiven Rückmeldungen erreichen. Es ist ja wichtig zu erfahren, wie Projekte angenommen werden. Es ist uns wichtig, für unser Publikum weiter präsent zu bleiben und auch Künstlerinnen und Künstler weiter durch kleine Online-Projekte unterstützen zu können, aber der Austausch vor Ort fehlt und wir freuen uns alle, wenn wir wieder öffnen können.

 




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