21/04/20

Mit Ausrufezeichen

[artline>Nord] Die Hamburger Deichtorhallen zeigen „JETZT! Junge Malerei in Deutschland“

von Christiane Opitz

Nach zwei Jahren Organisation und den Besuchen von über hundert Ateliers in ganz Deutschland wurden 53 Künstlerinnen und Künstler als Repräsentant*innen einer neuen, jungen Malereigeneration ausgewählt ihre Arbeiten in der Ausstellung „JETZT! Junge Malerei in Deutschland“ zur Schau zu stellen. Nachdem das Kunstmuseum Bonn, das Museum Wiesbaden und die Kunstsammlungen Chemnitz fast gleichzeitig ihre gleichnamigen Shows eröffneten – gleiche Künstler*innenauswahl, immer andere Werke – läuft nun auch am vierten Ort, den Deichtorhallen in Hamburg diese Ausstellung, welche, mit einer Auswahl aus dem Gesamtkonvolut, eine umfassende Übersicht über den Status Quo der Malerei geben möchte.

Wie kuratiert man so ein Großprojekt, welches nicht nur mit einem so erheblichen Rechercheaufwand, Reisen und Personal betrieben werden muss sondern auch inhaltlich – weil divers, traditionsreich und aufgeladen mit allerlei positiven wie negativen Zuschreibungen – herausfordernd ist? Ziel des siebenköpfigen KuratorInnenstab, größtenteils bestehend aus den Verantwortlichen der jeweiligen Häusern, u.a. Alexander Klar (damals noch Direktor des Museums Wiesbaden, jetzt Kunsthalle Hamburg), Stephan Berg (Bonn) und Anja Richter (Chemnitz) war es einen „gültigen Querschnitt durch die junge Malerei zu liefern“ (...) ohne „ideologische Einschränkungen“, wie es in dem begleitenden Katalog heißt. Zudem setzte sich das Team drei Prämissen, die letztendlich zur Auswahl der Künstler*innen führte. Erstens sollte es in den Positionen tatsächlich um die begrenzte Fläche gehen und nicht um das expansive Bild (Franziska Reinbothes Arbeiten fallen hier „aus dem Rahmen“). Zweitens begrenzte man das Alter der Teilnehmer*innen um die Jahrgänge ab 1979. Das dritte Auswahlkriterium betraf den Produktionsort, der auf Deutschland beschränkt war, jedoch im Ausland geborene Akteure mit einschloss.

Was ist im Bild möglich? Gibt es neue Bezüge und Referenzgrößen? Welche Relevanz hat die oft totgesagte Kunstdisziplin – kann sie heute überhaupt noch ein Ausrufezeichen setzten? Spaziert man durch die durch weiße Wände zerteile Halle für Aktuelle Kunst, so lässt sich die Frage, ob das Medium noch aktuell sei, nur mit „Ja“ beantworten. Es begegnen einem expressive Positionen, Gegenständliches, politische Bekenntnisse und private Recherchen, die niemals verstaubt oder banal daherkommen, sondern lebendig, frisch und mit viel Verve. Farben explodieren bei Benjamin Dittrich, Jenny Forster, Max Frintrop, Dana Greiner oder Henriette Grahnert. Aufregende Ballungen aus Formen und Zeichen okkupieren die Arbeiten von Andreas Breuning, Ina Gerken, Alicia Viebrock. Oftmals fluktuieren Figuration und Abstraktion, wie bei Aneta Kajzer, Monika Michalko, Hannes Michanek, David Lehmann, Li-wen Kuo oder Vivian Greven. Letztere ist dann auch ein Beispiel dafür wie die Verarbeitung des Digitalen Einzug in die Werke dieser neuen Maler*innengeneration gehalten hat. In zarten Pastellfarben gemalt, wirken die plastisch herausgearbeiteten, an altmeisterliche Körper erinnernde Figuren nah und fern zugleich. Artifiziell muten sie an, als hätte sie eine Künstlerische Intelligenz erstellt – und gleichzeitig kann man sich als Betrachter*in ihrer faszinierend sinnlichen Aura nicht erwehren. Auch bei Anna Nero, die bis 2017 an der HGB in Leipzig studierte, spielt das Digitale eine Rolle, weil sie im Malprozess verschiedene Raster und Rahmungen übereinander legt und die Arbeiten so die Anmutung digitaler Bildlayer erhalten. Überhaupt ist die Lust an Samples und Zitaten in vielen Werken erfreulicher Weise nach wie vor ungebrochen.

Positiv hervorgehoben werden soll zudem, dass in der Auswahl der Künstler*innen auf eine Ausgewogenheit zwischen Männern und Frauen geachtet wurde. Apropos: Als Gegenentwurf zu der vorangegangenen Ausstellung der vier alten weißen Männer – Baselitz, Richter, Polke, Kiefer – zeigen die Deichtorhallen am gleichen Ort, zusätzlich und parallel zu „Jetzt!“, in der Ausstellung „Quadro“, Werke von vier jungen Malerinnen. Kerstin Brätsch, Kati Heck, Stefanie Heinze und Laura Link erweitern mit ihrer Präsentation den aktuellen Malereikanon auf beeindruckende Weise mit neo-surrealistischen, experimentellen Bildfindungen.

JETZT! Junge Malerei aus Deutschland.

Quadro
mit Kerstin Brätsch, Kati Heck, Stefanie Heintze und Laura Link.

Deichtorhallen Hamburg,
Deichtorstr. 1-2, Hamburg.
Öffnungszeiten: bis auf Weiteres geschlossen, regulär: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 17. Mai 2020




Deichtorhallen Hamburg