07/04/20

Künstliche Reize

Eine Archäologie vergangener Pflanzendüfte im Naturhistorischen Museum Bern

von Annette Hoffmann

sublimeklein.jpgChristina Agapakis, Alexandra Daisy Ginsberg und Sissel Tolaas, Resurrecting the Sublime, 2020, Installationsansicht Naturhistorisches Museum Bern, Courtesy the artists, Foto: NMBE/Flückiger
Dass Hibiscadelphus wilderianus ausstarb, hatte sehr konkrete Gründe. Auf den Hängen der hawaiianischen Insel Maui veränderte sich durch die koloniale Viehwirtschaft derart das Ökosystem, dass der Lebensraum der Hibiscusart zerstört wurde. 1912 wurde die letzte Pflanze gesehen, sterbend. Überhaupt hat sich der Kolonialismus für Pflanzen als ähnlich schädlich erwiesen wie die Industrialisierung. Auch eine bei Kapstadt ansässige Silberpflanze fiel ihm zu Opfer, hier war es der Weinanbau am Tafelberg, der ihr die Lebensgrundlage entzog. Zusammen mit Orbexilum stipulatum wurden die Gerüche der beiden Pflanzen nun in einer Kollaboration zwischen Alexandra Daisy Ginsberg, Christina Agapakis und Sissel Tolaas rekonstruiert. „Resurrecting the Sublime“ heißt die gemeinsame Arbeit der drei, die den Anspruch hat allenfalls eine Annäherung an den Duft der ausgestorbenen Arten zu sein.

Im Naturhistorischen Museum Bern ist ihre Installation nun sinnfällig im Rahmen der Ausstellung „Weltuntergang – Ende ohne Ende“ zu sehen. Alexandra Daisy Ginsberg würde die Logik dieser Finalität gerne stoppen. Die Londoner Künstlerin, Architektin und Designerin hat sich in den letzten Jahren insbesondere mit synthetischer Biologie befasst. Ihre gemeinsame Arbeit mit der Geruchsforscherin und Künstlerin Sissel Tolaas und der Biologin und Autorin Christina Agapakis ist weniger sentimental als eine Aufforderung, das eigene Verhalten zu überdenken. Ginsberg, Tolaas und Agapakis haben ihr Wissen und ihre Verfahrenstechniken zusammengeworfen und aus alten botanischen Herbarien DNA gewonnen, die Informationen über Duftmoleküle besaßen. Tolaas hat diese in ihrem Berliner Labor in Gerüche umgewandelt im Abgleich mit verwandten Arten.

„Resurrecting the Sublime“ ist eine Synthetisierung des verlorenen Habitats mit Hilfe von Steinen, der visuellen Simulation der jeweiligen Pflanze und ihres Geruchs. Bei den verschiedenen Ausstellungsstationen, an denen ihre Arbeit seit 2019 bislang zu sehen war, konnte man eine Glasbox betreten. Die Assoziation an eine Vitrine liegt nahe, denn, so Ginsberg: „Im Gegensatz zu einem Naturgeschichtlichen Museum wird der Mensch zur ausgestellten Spezies.“ Dabei ist der Titel der Arbeit „Resurrecting the Sublime“ durchaus doppeldeutig zu verstehen. Auch wenn vermutlich keine der drei Frauen an eine Wiederauferstehung der ausgestorbenen Arten glaubt, erfährt der philosophische Begriff des Sublimen in ihrer Installation eine Auferstehung. Er bezieht sich nicht allein auf den sublimen sinnlichen Reiz des Geruches, sondern vor allem auf die Wahrnehmung der Natur als erhaben wie wir es aus der Ästhetik des 18. Jahrhunderts kennen. Nur, dass hier die Wissenschaft und damit der Mensch zu etwas Schauererregendem wird. Ist auch irgendwie ehrlicher.   

 

Resurrecting the Sublime.
Naturhistorisches Museum
Bernastr. 15, Bern.
Auch zu sehen in der Ausstellung „Survival of the Fittest“ im Kunstpalais Erlangen.