22/02/11

Jenseits von Arkadien

Ad fontes. Drei Fotobände führen zurück zu den Quellen der Gartenkunst, des Jangtse und der Jugend.

von Annette Hoffmann

Ad fontes. Drei Fotobände führen zurück zu den Quellen der Gartenkunst, des Jangtse und der Jugend.



Ian Hamilton Finlay, Zwei Gärten, hrsg. von Pia Maria Simig, 106 S., Kehrer Verlag 2010, 28 €, 39 CHF
„Et in Arcadia ego“. Mit der Schrift kam der Tod in den Garten. Als Nicolas Poussin sein berühmtes Bild mit dem Grab in Arkadien schuf, war es aus mit der paradiesischen Unschuld. Auch ich bin in Arkadien, konnte der Tod seitdem behaupten. Eine ganz ähnliche Grundstimmung prägt die beiden Gärten Ian Hamilton Finlays „Little Sparta“ und „Fleur de l’air“. Finlay verwirklichte sie in Schottland und in der Provence, „Fleur de l’air“ sollte er nie sehen, der britische Künstler starb 2006. „In meinem Garten (wird) die Natur ein Teil der Kunst, und ist dennoch präsent als Natur, aber nur insofern sie in die Kunst eingegliedert ist“, hat Finlay einmal gesagt. Die beiden Gärten zitieren die Parks des 18. Jahrhunderts, indem sie deren künstliche Ruinen, Grabdenkmäler und Pyramiden übernehmen. Es sind Orte der Empfindsamkeit, die durch Finlays Schrifttafeln zum literarischen Raum werden. Da kann man an einem Baum „Mare Nostrum“ lesen, in einer Steinmauer „Horizons long“ oder auf einer Gedenktafel vor einer kleinen Insel „See Poussin, hear Lorrain“. Der ungarische Fotograf Sam Rebben hat die Poesie dieser Gärten für uns erkundet.


Nadav Kander, Yangtze – The Long River, 188 S., Hatje Cantz 2010, 68 €, 96 CHF
Würde man den Fotografien Nadav Kanders nachreisen, man würde sie nicht finden. Der Fluss Jangtse, den der 1961 geborene Fotograf im Verlauf von drei Jahren stromaufwärts bereiste, ist zwar ein Topos der chinesischen Malerei und Literatur, doch die unberührte Natur, die Kander vielleicht gesucht hat, ist Vergangenheit. Auch entlang des Jangtse bestimmt der chinesische Turbokapitalismus das Bild der Landschaft und er verändert es in rasender Geschwindigkeit. Und so ist es nicht die Horizontlinie, die Linie zwischen Himmel und Wasser, die sich durch diesen Fotoband durchzieht, es sind vielmehr die aufragenden Hochhäuser, die gigantischen Brücken und Staudämme, die die Bilder strukturieren. Nadav Kander hat jedoch auch die Nischen ausgemacht, die sich die Menschen in diesen unwirtlichen Betonwüsten schaffen. Da hat eine Familie eine Wäscheleine an zwei Holzlatten befestigt, die an einer Mauer lehnen. Über all dem ragt eine komplexe Trägerkonstruktion aus Beton. Andere verbringen ihren Sonntag am Fluss unter riesigen Brückenpfeilern. Ihre Gartenstühle stehen auf dem Schutt von Abrisshäusern, die Neubauten weichen mussten. Nadav Kanders Fotografien vom Fluss zeigen ein China, das von der üblichen Ästhetik abweicht, die unser Bild Asiens bestimmt. Sie sind voll stiller Melancholie und geschult an den Bildern der Romantik.
Der Fotoband wurde mit dem Deutschen Fotobuchpreis 2011 in Gold ausgezeichnet.


Nicole Zachmann, The Fish of Hope, 112 S., Edition Patrick Frey 2010, 51 €, 68 CHF
Gut, Basel war niemals New York oder London, doch in Nicole Zachmanns Fotografien der Basler Szene ist der Metropolenappeal groß. In den 1980er Jahren, irgendwo zwischen Punk und Pop, als Kalter Krieg herrschte, in der Ukraine ein Atomkraftwerk explodierte und die Chemie in Basel das Rheinwasser rot färbte, hatte Basel eine der lebendigsten Subszenen der Schweiz. Und Nicole Zachmann fotografierte ihren Freundes- und Bekanntenkreis. Man arbeitete in Kollektiven, machte Magazine und spielte in Bands, die „Fish of Hope“ hießen. Viele, die auf Zachmanns ganzseitigen, überwiegend in Schwarz-Weiß gehaltenen Aufnahmen abgebildet sind, arbeiten heute als Künstler. Damals war man, so erinnert sich Lori Hersberger in diesem Fotobuch „dilettantisch, genial und mit einem wahrhaft beeindruckenden Gefühl für Style.“ Entstanden sind Nicole Zachmanns Aufnahmen bei Konzerten, in Proberäumen und Zuhause, manches wirkt wie beiläufig fotografiert, anderes wie inszeniert. Popkultur ist, das zeigen Zachmanns Porträts, nicht nur ein System von Posen und Codes für Eingeweihte, es ist vor allem Jugend.