03/03/20

Manaf Halbouni

[artline>Nord] Der deutsch-syrische Künstler vermittelt in seinen Installationen zwischen Ost nach West

von Wolf Jahn

MonumentBerlinTor.jpgManaf Halbouni, Mnument, 2017, Installationsansicht am Brandenburger Tor, Berlin, Courtesy the artist, Foto: Manaf Halbouni

Manaf Halbouni, 1984 als Sohn deutsch-syrischer Eltern geboren, machte schon kurz nach seinem Studium als Künstler auf sich aufmerksam. Mit einem besonderen Schutzwall, entlehnt aus Aleppo, dieser zerschossenen, malträtierten und zum Symbol eines nutzlosen Abschlachtens gestempelten Stadt im bis heute anhaltenden Bürgerkrieg in Syrien. Hinter ihm hatten sich Einwohner von Aleppo in Form von senkrecht aufgestellten Bussen verbarrikadiert, ein Symbol von Ohnmacht und Widerstand zugleich. Wiederaufgerichtet mit gewöhnlichen Linienbussen wurde es Jahre später von Manaf Halbouni nahe dem Brandenburger Tor sowie vor der Frauenkirche in Dresden (2017). Symbolträchtiger ging es nicht mit dieser Kunstinstallation namens „Monument“. Symbol trifft auf Symbol und das inmitten einer von politischen Lagern, Willkommens- und Flüchtlingskultur aufgeheizten Atmosphäre, wo sich Fronten verhärteten und ein andauernder Nervenkrieg ausbrach. Heute, wo es darum ein wenig ruhiger geworden ist, dem Künstler mittlerweile zahlreiche Ehrungen zuteil wurden wie zuletzt der HAP Grieshaber-Preis, widmet ihm die Kunsthalle St. Annen in Lübeck seine erste museale Einzelausstellung.

Als Spross, dem beide elterlichen Herkünfte vertraut sind, der hier wie dort studiert und Familie hat, der aufgrund seiner Kriegsverweigerung in Syrien schließlich nach Dresden zog, waren ihm Material und Inhalt seiner Kunst dank der politischen Klimata gleichsam zu Füßen gelegt. Doch sein Umzug nach Deutschland bewirkte zugleich den Umzug in künstlerischer Hinsicht. So wie er einst das Symbol der Busse von Aleppo nach Berlin und Dresden verlagerte, so machte sich auch schon in anderen Kunstwerken Halbounis eine sichtbare Kehrtwendung bemerkbar. Diesmal aber mit Fern- statt Nahverkehr. Halbouni funktionierte Kleinwagen in Auswanderungsvehikel der deutschen Bevölkerung um. Bekannt wurde sein Fluchtauto „Sachse auf der Flucht“ (2015). Und was die Flüchtenden da auf ihren langen Reisen überreichlich mitnahmen, sodass es aus den Fenstern quoll und sich auf den Dächern türmte waren der Kleinbürgerinnen Lieblingsobjekte: ein Kastenbier und Gartenzwerge. Ein kleiner Seitenhieb auf den Sachsen, wenngleich Angewohnheiten und Liebgewordenes als Fluchtgepäck mitzunehmen, sicherlich kein sächsisches Privileg darstellt. Ob dazu auch Maschendrahtzaun zählte, ist dem Autor dieser Zeilen allerdings unbekannt.

ManafHalbouniInstallationOstwind2019.jpgManaf Halbouni, Ostwind, 2019, Installationsansicht, Courtesy the artist, Foto: Manaf Halbouni

Auch in seiner Lübecker Ausstellung setzt Houlbani erneut auf Vehikel, diesmal auf Surfbretter für die Installation Ostwind. Beladen mit Lebensmitteln und diversen Alltagsgegenstäden wagen sie sich aufs offene Meer hinaus. Eine Anspielung, die nur dem verwehrt bleibt, der noch nie von Seenot und Meeresflucht gehört hat, vor allem auf dem Mittelmeer. Im Museum wird Houlbani diese Surfbretter im übrigen zur Nähe der Sammlung setzen, dort, wo abstrakte Kunst von E.W. Nay, Bernhard Heisig und des Informel hängt.  So wird ein Zeitvergleich gewagt: die Nachkriegszeit von einst trifft auf die neue (Nach-) Kriegszeit. Man darf neugierig sein, ob sich bei einem solchen Vergleich mehr als nur zeitliche Parallelen einstellen.

Als eine Art verkehrte Welt bot und bietet sich auch Houlbanis Projekt „What if“ mit ihm selbst in der Rolle des Generals Yusef Hadid an. Das in 2015 begonnene und sich bis heute fortsetzende Projekt folgt der Vorstellung, dass sich Aufteilung und Neuordnung von arabischer Welt und osmanischen Reich in umgekehrter Richtung zugetragen hat. Dass die westliche Welt kolonialisiert und neu aufgeteilt wurde. Eine Vorstellung, die keinesfalls fiktiv ist. Denn in der langen Geschichte dieses religiösen und oft kriegerischen Bruderzwists standen schon immer Eroberung und Wiedereroberung auf der Tagesordnung – von den Kreuzzügen bis heute.

Manaf Halbouni: Ostwind.
Kunsthalle St. Annen, St. Annen-Str. 15, Lübeck.
Bis auf Weiteres geschlossen,
Öffnungszeiten (regulär): Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Ausstelllung verschoben, neuer Termin: 29. August bis 8. November 2020.




Manaf Halbouni
Kunsthalle St. Annen, Lübeck