22/03/20

Die Geburt des Gefühls aus der Kritik

[artline>Nord] Die Ausstellung "Sense Me" im dänischen Kolding möchte ihr Publikum dazu ermutigen, die Welt in ihrer sinnlichen Komplexität zu erleben

von Julia Lucas

„Kann ein größeres sensorisches Bewusstsein ein reicheres Leben bescheren?“ Diese Frage stellte Karen Grøn, Direktorin des „Trapholt Museum of Modern Art & Design“, als sie im September 2019 die neue ambitionierte Ausstellung „Sense Me“ des Museums eröffnete. Überall sind die Museen aktuell aufgefordert, sich als gesellschaftsrelevante Diskursorte zu legitimieren. Kultur scheint ein Bereich zu sein, in dem Politiker Platz für Einsparungen finden und den sie als gesellschaftlichen Faktor nicht ernst nehmen, obwohl, wie die Direktorin im Ausstellungskatalog formuliert, „das Bewusstsein für die gesellschaftliche Bedeutung von Kultur zumindest seit Beginn des 19. Jahrhunderts offensichtlich ist“.

„Sense Me“ untersucht, wie zeitgenössische Kunst - mit Wurzeln zurück zu Rudolf Steiner und synästhetischen Kunstbewegungen im frühen 20. Jahrhundert – danach strebt, dem Publikum die Welt um den Mensch herum kritischer bewusst zu machen. Gleichzeitig will die Ausstellung jedoch auch ermutigen, die Welt in ihrer sinnlichen Komplexität erleben zu wollen. Der Betrachter soll dazu ermuntert werden, die „Normalität“, in der er sich mehr oder weniger bewusst bewegt, zu berücksichtigen.

„Ölfactory Forest“, eine Audio-Ölinstallation von Studio Omer Polak zeigt auf, was eine fast vollständige Abholzung der Wälder bedeuten würde. Die Arbeit des Studios stellt eine erschreckend rhetorische Frage: Wird die Gesellschaft in Zukunft die Natur vortäuschen müssen, um die Menschheit zu erhalten? Ein kreisförmiger, gespiegelter Raum im Kolding-Museum postuliert, wie diese Zukunft aussehen könnte. Dort hängen 15 Manau-Rattenstöcke, von denen jeder einen anderen Geruch und Ton abgibt und die das multidisziplinäre Kreativteam aus den Wäldern gesammelt hat. Für die Zusammenstellung der Düfte wurden zunächst organische Materialproben in das deutsche Symrise Labor gebracht und dann sorgfältig analysiert, um jede Duftkomponente in verschiedenen organischen Materialien besser zu verstehen. Unter Verwendung von Rezepten, die aus einem Vorrat von über 2.000 Basisnoten erstellt wurden, schufen Studio Omer Polak und Symrise’s Senior-Parfümeur Marc Vom Ende acht verschiedene Düfte, die an Baumharz, Moos, feuchte Erde, Säugetierschweiß, Pilze, Lindenholz, gebrochenes Holz und grüne Blätter erinnern.
Wie ein Wanderer in der Natur durch seinen Geruchsinn den Raum erfährt, hört auch der Besucher leise Geräusche, die aus fünfzehn kleinen Lautsprechern entlang der Rattanstöcke erklingen. Der Zweck der niedrigen Lautstärke erklärt Omer Polak ist eine Einladung an den Besucher näher zu kommen – um gleichzeitig Riechen und Hören zu können. Die Aufnahmen spielen zum Beispiel den Ton von Termiten, die einen Holzklotz fressen, einer fliegenden Mücke und einer Motte vor, die mit den Flügeln schlägt. Das Projekt nimmt die Idee der künstlichen Landschaft auf und nutzt die Nase als Medium, um das menschliche Unterbewusstsein in den Wald zu transportieren.

Anstatt den Intellekt anzusprechen, will die Ausstellung die Auswirkungen der Verschmutzung unseres Geistes und der Umwelt am eigenen Körper spürbar machen. Auf diese Weise versucht sie, die Fähigkeiten zu schulen, mittels der menschlichen Sinne über die großen Fragen nachzudenken, welche die persönliche und gesellschaftliche Realität des heutigen Menschen prägen.

SENSE ME.

Trapholt,
Æblehaven 23, Kolding (Dänemark).
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 21.00 Uhr.
Bis 1. Juni 2020




Trapholt, Kolding (DK)