01/04/20

Die Dinge empfinden durch den lebenden Körper

[artline>Nord] Der Kunstverein Braunschweig widmet der Lebens- und Werkgeschichte des schwarzen Philosophen Anton Wilhelm Amo (1703-1759) eine sehenswerte Ausstellung

von Bettina Maria Brosowsky

amo.jpgRESOLVE Collective in The Garage – S1 Artspace, Sheffield, UK, Foto: Vishnu Jayarajan

Im Februar war im Altonaer Museum Hamburg „Black History Month“, jenes 1926 in den USA initiierte Festival, das den Beitrag Schwarzer zur Geschichte gewürdigt wissen will. Mit historischen und aktuellen Biografien Schwarzer in Deutschland schlug das Haus ein Kapitel zum Kolonialismus auf, der sich auch hierzulande nicht auf „Kolonialwaren“ beschränkte oder unter zweifelhaften Umständen in Museen gelangte Artefakte außereuropäischer Kulturen. Auch versklavte Menschen wurden nach Europa oder Deutschland verschleppt, oft als exotische Staffage der Adelshäuser. Ein bekannter Topos ist der schwarze Page als „Kammermohr“. Tragisch verlief die Geschichte des Exzentrikers, Gartenkünstlers und Reiseliteraten Hermann Fürst von Pückler, der 1837 in Kairo eine „kleine Dame aus Nubien“, Machbuba, kaufte. Die junge Frau ging mit Pückler in europäischen Höfen ein und aus, provozierte rassistische Karikaturen in deutschen Blättern und verstarb 1840 im fremden, kalten Bad Muskau.

Als „Kammermohr“ kam auch Anton Wilhelm Amo, um 1703 im heutigen Ghana geboren, nach 1753 dort verstorben, nach Braunschweig. Er war 1707 ein „Geschenk“ der niederländischen Westindien-Kompanie an Herzog Anton Ulrich zu Braunschweig-Wolfenbüttel (1633–1714), Förderer der Künste, Wissenschaften und einer bedeutenden Bibliothek sowie als Barock-Autor literarisch ambitioniert. Er sieht in Amo nun nicht das exotische Requisit sondern lässt ihm eine umfassende Bildung angedeihen: Evangelisch getauft, besucht er die Ritterakademie in Wolfenbüttel, die protestantische Universität Helmstedt, immatrikuliert sich 1727 in Halle, um Rechtswissenschaften und Philosophie zu studieren. Seine erste wissenschaftliche Disputation gilt 1729 der Rechtsstellung Schwarzer, „De iure Maurorum in Europe“. Er zeigt, dass römische Kaiser der Antike Afrikanern einen unantastbaren juristischen Status garantierten. Die Christen des 18. Jahrhunderts beriefen sich zwar auf Rom, praktizierten aber zugleich die Sklaverei, zum wirtschaftlichen Profit – ein Angriff Amos auf Vernunft, Ethik und Religion. 1730 geht er an die Universität Wittenberg, erhält umgehend die Magisterwürde der Philosophie und darf neben weiteren Studien Vorlesungen halten. 1734 verteidigt er als erster aus Afrika gebürtiger Denker in Europa seine Dissertation über die Leib-Seele-Problematik: Der Mensch empfinde die Dinge nicht durch seine Seele, sondern seinen lebenden Körper, so Amos materialistische Rehabilitierung des Leibes als sensuelle Schnittstelle zur Welt. 1736 kehrt Amo nach Halle zurück, mit seinem 1738 verfassten Traktat „Über die Kunst, nüchtern und präzise zu philosophieren“ positioniert er sich in der frühen Aufklärung. Er lehrt ab 1739 in Jena, geht um 1747 zurück nach Afrika. Über Beweggründe lässt sich nur spekulieren: War er, ähnlich Machbuba hundert Jahre später, Opfer rassistischen Spotts geworden wegen einer (unerwiderten) Liebe zu einer deutschen Studentin?

Amo wurde vergessen, die DDR würdigte ihn 1965 durch eine Plastik am Juridicum Halle, die ihn als urwüchsigen Afrikaner zeigt. Nun ehrt ein großes Recherche- und Ausstellungsprojekt im Kunstverein Braunschweig, initiiert durch Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, zusammen mit vielen überregionalen Partnern den verkannten Philosophen. Das RESOLVE Collective, Akinbode Akinbiyi, Adama Delphine Fawundu oder Kitso Lynn Lelliott erspüren Lebenswege Amos in Region, Deutschland und Ghana, Konrad Wolf lässt den Kunstverein zum „Anton Wilhelm Amo Center“ werden. Insgesamt reflektieren 16 internationale Positionen Amos (rechts-) philosophisches Denken: Sein Verständnis vom Ding-an-sich, der Leib-Seele-Diskurs, die Anerkennung Schwarzer, transzendentale Obdachlosigkeit, die Politik des „Naming“ sowie Narration und Geschichte der Aufklärung. Zudem diskutiert ein internationales Symposion aktuelle Politiken der Bezugnahme, des Vergessens und der Kanonisierung.

The Faculty of Sensing.
Thinking with, through, and by Anton Wilhelm Amo.

Kunstverein Braunschweig,
Lessingplatz 12, Braunschweig.
Öffnungszeiten: derzeit wegen Covid-19 bis auf Weiteres geschlossen,
während dieser Zeit wöchentlich wechselnde Präsentationen zur Ausstellung online auf www.kunstvereinbraunschweig.de,
ansonsten Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag bis 20.00 Uhr.

Bis 2. August 2020.

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation.
Ebenfalls findet zur Ausstellung ein internationales Symposium statt, nach derzeitigem Stand am 20. Juni 2020.




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