08/10/11

Aus anderer Sicht

Fotobände aus den Neuveröffentlichungen der Verlage zwischen Fotojournalismus, Bildmagie und Dokumentation.

von red.

Fotobände aus den Neuveröffentlichungen der Verlage zwischen Fotojournalismus, Bildmagie und Dokumentation.




New York Times Magazine: Die Photographien 1978-2011, Schirmer/Mosel, München 2011, 448 S, 58 Euro | 81.90 Franken
Seinen legendären Ruf verdankt das „New York Times Magazine“ nicht zuletzt seinen berühmten FotografInnen: Cindy Sherman, Nan Goldin, Gregory Crewdson, Thomas Struth und viele andere drückten auf den Auslöser, um die Artikel, Reportagen oder Promiportraits des Magazins zu illustrieren. Ein atemberaubender Bildband versammelt nun die besten Bilder aus den letzten 30 Jahren. Es sind Meilensteine des Fotojournalismus, in schnellen Szenenwechseln hintereinander geschnitten: Eben noch sehen wir Bilder von der Hungersnot in Afrika, schon sind wir Zeuge des verheerenden Anschlags von 9/11. Ein 40-jähriger Afghane präsentiert stolz seine elf-jährige Braut, Jeff Koons mag es gewohnt anzüglich, Thomas Demand bewegt sich mit seinen Beiträgen an der Grenze zur Abstraktion. Obgleich Auftragsarbeiten, nutzen die Fotografen ihre Freiräume. – und verraten in ihren Bildtexten manche Anekdote. Diese oft sehr persönlichen Hintergrundinformationen machen den besonderen Reiz dieses Fotobands aus.
Florian Weiland


Philip-Lorca diCorcia: Eleven, Feymedia Verlag, Düsseldorf 2011, 288 S., 65 Euro | 89 Franken
Diese Fotostrecken, die Philip-Lorca diCorcia seit Mitte der Neunziger in elf Metropolen von Bangkok bis New York aufgenommen hat, sind provozierend – doch sie erschöpfen sich nicht darin. In seinen Serien erzählt der US-Amerikaner für jede Stadt eine eigene, rätselhafte Geschichte. Es geht um Prostitution und Armut und um das Leben der Reichen und Schönen. Ihr Geheimnis geben diese Stories nicht gleich preis. Im Gegenteil: Die Szenen wirken wie eingefroren, etwas Mysteriöses, (Alp-)Traumhaftes geht von ihnen aus, nicht selten fühlt an sich an Filme von David Lynch erinnert. Keine Frage: diCorcia liebt dramatische Inszenierungen. Die meisten Darsteller castete der heute 60-Jährige über Facebook. Die Shootings selbst seien dann meist ziemlich spontan gewesen, verrät er. Kaum zu glauben – doch vielleicht ist genau diese Mischung aus Direktheit und Künstlichkeit der Grund für die Undurchschaubarkeit von diCorcias Geschichten.
Florian Weiland


Aus anderer Sicht: Die frühe Berliner Mauer, von Annett Gröschner und Arwed Messmer, Hatje Cantz 2011, 752 S., 49,80 Euro | 67 Franken
Zwei schmale Streifen Tonpapier, wie man sie aus Archiven kennt, sind dem Band „Aus anderer Sicht“ beigefügt. Und wirklich ist diese Publikation über die frühe Berliner Mauer ein Ergebnis intensiven Aktenstudiums, auch wenn Annett Gröschner und Arwed Messmer mehr durch Zufall auf diese Aufnahmen stießen, die Angehörige der Grenzbrigade im Winter 1965/66 gemacht hatten. Sie entstanden nicht zu rein dokumentarischen Zwecken, die Fotos sollten Schwachstellen der Mauer aufdecken, bevor diese durch „Grenzverletzer“ entdeckt werden konnten.

Arwed Messmer hat das Konvolut digital zu Panoramaaufnahmen bearbeitet, die die knapp 50 Kilometer lange Grenze durch Berlin wiedergeben. Annett Gröschner hat ihnen Texte unterlegt, die von den Grenzposten zu dieser Zeit festgehalten wurden. Sie erzählen viel von dem unerträglichen Zustand, dem die Berliner ausgesetzt waren: kleine Wortscharmützel, Neckereien, Beschimpfungen, Grüße über die Mauer hinweg. Mitte der 1960er Jahre war die Berliner Mauer vielfach Flickwerk. Friedhofsmauern, Häuserfronten wurden einbezogen – nicht allein um die Verachtung gegenüber den Toten und Lebenden zu demonstrieren – das SED-Regime musste sparen. Es fehlte an Baumaterial. Annett Gröschner und Arwed Messmer haben die Mauerabschnitte durch Karten in der Stadt verortet und Archivmaterial von geglückten und fehlgeschlagenen Fluchtversuchen aufgenommen, das die Tragweite der Berliner Mauer auf jedes einzelne Leben nachvollziehbar werden lässt.
Annette Hoffmann