30/03/20

Die Kraft der Collage

Das Zentrum Paul Klee zeigt eine Retrospektive der US-amerikanischen Malerin Lee Krasner

von Annette Hoffmann

krasnersmall.jpgLee Krasner, Palingenesis, 1971, Foto: Kasmin Gallery, New York, alle © Pollock-Krasner Foundation, New York

Gut ein Jahr nach Jackson Pollocks tragischem, tödlichem Autounfall bezog Lee Krasner im Sommer 1957 das Atelier ihres Mannes. Lee Krasner hatte plötzlich Platz. Und ihre Bilder hatten nun ein Format, das sie mit ihrer Körpergröße nur mit großen Kraftanstrengungen bewältigen konnte. Anders als Pollock, der die Leinwände auf den Boden des Ateliers legte, spannte Lee Krasner ihre Malgrundlage an die Wand. „Jede Handbewegung ist ein Hieb“, beschrieb sie ihre Arbeitsweise. Im Zentrum Paul Klee in Bern kann man in Gedanken Maß nehmen an Bildern wie „Polar Stampede“, das ein Format von zwei Meter vierzig auf vier Meter zehn hat. Krasner muss über sehr viel Energie verfügt haben.

Geboren wurde sie am 27. Oktober 1908 als Lena Krassner in Brooklyn. Sie war Tochter orthodoxer Immigranten, die vor den Judenpogromen im damaligen Russland geflohen waren. Als Künstlerin will sie unter dem moderneren, kürzeren Namen Lee Krasner wahrgenommen werden. Krasner malte lange vor ihrer ersten Begegnung mit Jackson Pollock. Um 1928 entsteht ein erstes prägnantes Selbstporträt im Garten, zu einer Vertreterin des amerikanischen Abstrakten Expressionismus sollte sie erst später werden. Der Nachlass ihres Mannes ermöglichte ihr ein finanziell unabhängiges Arbeiten, andererseits blieb sie in dessen Schatten. Was sie womöglich unabsichtlich forcierte, denn in Collagen verarbeitete sie auch verworfene Dripping-Bilder Jackson Pollocks. 1965 richtet ihr dann die Londoner Whitechapel Gallery eine Einzelausstellung aus und ein Jahr vor ihrem Tod im Jahr 1984 ist im Museum of Fine Arts in Houston eine Retrospektive zu sehen, die auch unter anderem in San Francisco und New York gezeigt wird. Die Berner Ausstellung „Lee Krasner. Living Colour“ ist einerseits mit der Qualität des Werkes begründet, andererseits rückt sie den kunstgeschichtlichen Kanon zurecht und erzählt nicht zuletzt durch Fernsehinterviews und Dokumentationsmaterial von einem männlich dominierten Kunstbetrieb.

Die Collage ist in Krasners Œuvre nicht nur konkretes Werk, sondern auch Arbeits­prinzip. Die chronologische Hängung ist in Werkgruppen organisiert. Da bricht die Figuration von „Prophecy“ mit der Serie der „Little Images“, die überwiegend durch kleine bildfüllende Strukturen bestimmt ist. Mit „Night Journeys“ schlug sie um 1960 erneut einen anderen Weg ein. Die Bilder entstanden in einer Phase der Trauer, in der sie nicht schlafen konnte, nachts in Weiß und Umbra. Die schiere Größe von „Polar Stampede“ und ihre kraftvolle Gestik, die Farbe ist in breiten Pinselstrichen aufgetragen und hinterlässt auf der Leinwand Schlieren und Spritzer, formuliert den Anspruch wahrgenommen zu werden: als Künstler und nicht etwa als „weiblicher Künstler“, wie sie betont. Manchmal sind die Zäsuren in ihrem Werk mit Männern verbunden. Neben Pollock ist es Hans Hofmann, an dessen School of Fine Arts sie sich 1937 einschreibt und der sie mit dem Kubismus vertraut macht. Mehr jedoch sind sie Ausdruck produktiver Schaffenskrisen. Des Öfteren wird sie ihre alten Arbeiten zerschneiden und neu zusammensetzen.  Ihre Arbeit „Bird Talk“ aus dem Jahr 1955 zeigt, wie sie gleichermaßen die Collage als auch den Kubismus für sich fruchtbar machte. Die Komposition setzt sich aus Papier- und Stoffschnipseln zusammen, was auch ein bisschen an Henri Matisse denken lässt, den sie verehrte. Das Farbspektrum von Rot und Orange auf schwarzem Grund hob sie von den anderen Abstrakten Expressionisten ab. Die Farbe ist überhaupt ein charakteristisches Merkmal ihrer Malerei. In „Palingenesis“ stößt 1971 Magenta auf Grün, abgemildert durch Weiß und Abstufungen von Schwarz. Die einzelnen Flächen, die durch ihre klaren Linien scharf voneinander abgesetzt sind, wirken mal wie Blätter, mal wie geometrische Formen. Kreissegmente bilden einen Rahmen für die im Titel angedeutete Entstehung – wenn auch vage bleibt, was hier Sichtbarkeit erlangt. Lee Krasner jedenfalls sammelte an ihrem Sommerdomizil Springs Strandgut, Muscheln und Schneckenhäuser. Abstraktion und die Vorstellung eines organischen Entstehens waren für sie keine Gegensätze.         

Lee Krasner: Living Colour.
Zentrum Paul Klee
Fruchtland 3, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sontag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 16. August 2020.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Hirmer Verlag, München 2020, 240 S., 45 Euro | ca. 63 Franken.

 

 

 




Zentrum Paul Klee