11/10/11

Ein Museum passt in die kleinste Schublade

Was macht ein Museum aus und wie kommt man überhaupt hin? Neuerscheinungen aus den Verlagsprogrammen geben Auskunft.

von red.

Was macht ein Museum aus und wie kommt man überhaupt hin? Neuerscheinungen aus den Verlagsprogrammen geben Auskunft.



Skadi Heckmüller, Privatzugang, Distanz Verlag, Berlin 2011, 256 S., 29,90 Euro | 46.90 Franken
Die Autorin ist bekennende Rucksackreisende. Skadi Heckmüller, eigentlich Wirtschaftswissenschaftlerin, hat eine Art „Lonely-Planet“-Führer über private Kunstsammlungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz geschrieben. Kein Weg war ihr zu weit und keine Informa¬tion zu mühsam zu recherchieren. Und so findet man neben kundigen Beschreibungen zu den jeweiligen Privatsammlungen, Informationen zu Eintrittspreisen, dem öffentlichen Nahverkehr, Restauranttipps und weitere Sehenswürdigkeiten. Das ist umso nützlicher als sich private Sammlungen häufig nicht in den Innenstädten, sondern in der Peripherie, wenn nicht gar in der Provinz zu finden. Über 60 Kunsträume im deutschsprachigen Raum sind in diesem handlichen Führer gelistet, darunter so bekannte wie die Fon-dation Beyeler und die Sammlung Goetz, aber auch das Freiburger Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft sowie die Berliner Fotosammlung Arthur de Ganay. Wer abseits staatlicher Museen Kunstentdeckungen machen will, dem öffnet Skadi Heckmüller einen Zugang zum Privaten.
Annette Hoffmann


Herbert Distel, Das Schubladenmuseum, Scheidegger & Spiess, Zürich 2011, 184 S., 48 Euro | 59 Franken
Es ist eine Ausstellung der Superlative – gleichwohl im Miniaturmaßstab. Die Räume messen 5,7 mal 4,3 mal 4,8 Zentimeter. Kaum größer als eine Streichholzschachtel. Und das ganze mal 500. Fünfhundert dieser winzigen, nach oben offenen Räume, verteilt auf 20 Schubkästen, umfasst Herbert Distels „Schubladenmuseum“, das im letzten Jahr vom Kunsthaus Zürich aufwendig restauriert wurde. An dem weltweit einzigartigen Projekt beteiligten sich so gut wie alle namhaften Künstler. Von Jasper Johns, Robert Smithson oder Niki de Saint Phalle bis Hockney, Kounellis und Christo. Noch heute lässt das Schubladenmuseum staunen. Installationen, Gemälde und Skulpturen der unterschiedlichsten Art. Alles en minature und zumeist exklusiv für diesen Anlass geschaffen. Mit dem nun vorliegenden Buch kann man diese Schatzkammer der Kunst des 20. Jahrhunderts endlich in Ruhe und in allen Details betrachten. Dazu gibt es ein aufschlussreiches Interview mit Herbert Distel, in dem dieser von seiner Begegnung mit Marcel Duchamp berichtet, von Joseph Beuys' Zehennägeln erzählt und verrät, warum er als einziges ein Werk von Dalí abgelehnt hat.
Florian Weiland


Ganz konkret, Haus Konstruktiv (Hg.), Hatje Cantz, Ostfildern 2011, 360 S., 58 Euro | 78 Franken
Sammlungskataloge gelten als notwendige Schwergewichte – mehr Akquiseargument als Lesegenuss. Anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens hat die Zürcher Stiftung für konstruktive und konkrete Kunst, mittlerweile durch die konzeptuelle Kunst erweitert, Revision gezogen und einen Bestandskatalog heraus¬gebracht. Die Arbeiten werden beschrieben und in einem Index mit den Werkangaben versehen. Mehr aber noch werden sie in den Kontext der Geschichte der konkreten Kunst mit Besonderheiten der Schweizer Szene eingeordnet – und in den des Haus Konstruktiv. Hätte es einen Beweis gebraucht, wie aktuell das utopische Potential der konkret-¬konstruktivistischen Kunst für eine jüngere Generation Künstler ist: hier ist er.
Annette Hoffmann