29/02/20

Die Spitze der Eisbergspitze

Die Sammlung Falckenberg in den Deichtorhallen Hamburg präsentiert anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens raumgreifende Installationen

von Peter Boué

OlafBreuningApes.jpgOlaf Breuning, Apes, 2001, © Olaf Breuning

Der Anblick scheint vertraut, als würde man in der Vitrine eines antiken Torsos gewahr. Und tatsächlich hat man es mit einem Brustpanzer in Lebensgröße zu tun, der jedoch von außen mit Fleisch und Blut bestrichen zu sein scheint, was sich jedoch als Wachs und Farbe herausstellt. Dieses mit stärksten Mitteln arbeitende Sinnbild („La Corazza di Michelangelo”, 1963) ist eine frühe Arbeit von Paul Thek (1933-1988), der wie kein zweiter das Reliquienhafte des Fleisches zum Ausdruck brachte. Benachbart hängt von der hohen Decke herunter ein schwarzes Geschirr für Menschen, das zur Sicherheit bei schweren Arbeiten dienen mag, aber durch Position und Beschaffenheit ebenso im BDSM-Bereich konnotiert ist. Diese Arbeit („Harness”, 2006) von Monica Bonvicini (*1965) hat, auch ohne Kontext, eine beeindruckende Unmittelbarkeit. Im Stockwerk darüber finden sich „Three Misfits“,1994, von Thomas Grünfeld (*1956). Das sind nach Art der Wolpertinger neu zusammengesetzte Tiere in besonders beunruhigender Weise wie etwa der Mastinokopf auf einem hochbeinigen Eselskörper.

kippenberger.jpgMartin Kippenberger, Sozialkistentransporter, 1989, © The Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln

Ständen bloß diese drei Kunstschaffenden für das, was den Sammler Harald Falckenberg (*1943) an Kunst grundsätzlich interessiert, dann hieße das: Kunst als Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Zuständen, radikale Zuspitzung und Gegenkultur. Falckenberg, so ist schnell klar, interessiert nicht feingeschliffene Ästhetik, sondern es geht ihm um direkte Konfrontation, um das Prozesshafte und Fragmentarische, um den „Unruhekosmos“, wie er es sagt, als „Rebellion gegen die Väter“. Diesen fand er in der amerikanischen „Counter­culture“ der 1950/60er Jahre, aber am Beginn seines Sammelns stehen die 1980er Jahren mit Werken von Werner Büttner (*1954), Albert Oehlen (*1954) und Martin Kippenberger (1953-1997), später Richard Prince (*1958), Paul McCarthy (*1945) und Mike Kelley (1954-2012). Sein Sammeln ging danach aber in die „Tiefe“, wenn er an der vorangegangenen Generation wie eben Paul Thek oder Dieter Roth (1930-1998) neben der Gegenwartskunst interessiert ist. Alle diese Namen muss man als Spitze der Eisbergspitze auffassen, denn die Sammlung Falckenberg besteht heute aus Arbeiten von rund 330 Künstlerinnen und Künstlern, wobei der Anteil der Frauen auf 150 angewachsen ist. Als Bestandteil der Deichtorhallen ist sie eine Riesenhalle mit 6.000 Quadratmetern bespielbarer Grundfläche, auf der nun rund 60 Positionen, vorrangig Installationen und größere Skulpturen, zu sehen sind. Viele Werke bieten Verwandtschaften zu anderen an. „Knew Attention“, 2019, von Karla Black (*1972) etwa, bestehend aus drei Spiegeln, expressiv bearbeitet mit farbigem Puder und Lippenstift, kommt mit ihrer Umrandung mit gleißendem weißen Licht einem Kommentar zur Selbstbetrachtung gleich. Konterkariert wird sie durch „Black Mirror (für A.S.)“, 1989/95, von Astrid Klein (*1951). Die Arbeiten der Fotokünstlerin waren hier erst kürzlich in einer Soloschau zu sehen.

Es gibt spezielle Kammern wie das „Chambre secrète de BALTHYS par Jonathan Meese“, das Meese (*1970) 2001 vor Ort einrichtete. Hier und in drei weiteren Räumen verdichtet sich sein Vokabular von Vaterfiguren, aus Mythologie und Philosophie noch in einer Kohärenz von Messietum und Querverweisen von großen Worten („Staatskannibalismus“) zu mikroskopischen Zeichnungen. Daneben bieten die Räume die Möglichkeit, auch sehr große Installationen wie die von Jon Kessler (*1957) angemessen zu präsentieren: ein Kosmos aus flimmernden Monitoren als Fenster zur Welt, selbst mit Motoren getrieben und das Ultimo dessen, was ein Nam June  Paik (1932-2006) einmal angestoßen hat. Eine hochgradig filmische Arbeit ist der komplette Raum „Apes“,2001, von Olaf Breuning (*1970) mit den lebensgroßen Menschenaffen, die es sich, uns gleich, gut gehen lassen in der Ambient-Atmosphäre mit changierendem Licht und Sound – wenn nur ihre glühenden Augen nicht wären.

25 Jahre Sammlung Falckenberg.
Deichtorhallen Hamburg,
Phoenix-Hallen, Wilstorfer Str. 71, Hamburg-Harburg.
Öffnungszeiten: jeden 1. Sonntag im Monat, 12.00 bis 17.00 Uhr, Führungen 13.00 und 15.00 Uhr.
Bis 24. Mai 2020.




Deichtorhallen Hamburg