01/03/20

Kunst aus Binärcodes

Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt zwei spektakuläre Datensymphonien des japanischen Sound- und Medienkünstlers Ryoji Ikeda

von Bettina Maria Brosowsky

191205-KMW-Ryoji-Ikeda-0178-hires.jpgRyoji Ikeda, data-verse 1, 2019, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Wolfsburg, 2019, Foto: Marius Maasewerd, © Ryoji Ikeda Studio

Wohl auch, um gleich mit einer unverwechselbaren Handschrift zu starten, holte Andreas Beitin, seit April 2019 Direktor im Kunstmuseum Wolfsburg, für seine erste eigene Kuratierung den japanischen Sound- und Medienkünstler Ryoji Ikeda ins Haus. Dessen zwei audiovisuelle „Daten-Symphonien“ feiern hier zugleich deutsche Premiere. Derartig technikgestützte Kunst möchte Beitin auch weiterhin im Hause zeigen, neben einer professionellen Vorliebe die Referenz an eine ja durch Forschung, Wissenschaft und Technologie geprägte Region rund um Wolfsburg.

Die beiden multimedialen Großinstallationen data-verse 1 und data-verse 2 wurden durch den Dialog des Künstlers mit Forscher*innen verschiedenster naturwissenschaftlicher Disziplinen generiert. Unterschiedliche Quellen wie das CERN, die Europäische Organisation für Kernforschung nahe Genf, das weltweit größte Labor für Teilchenphysik, in dem der Aufbau der Materie erforscht wird, die NASA oder auch Codes aus dem Humangenomprojekt zur Entschlüsselung der menschlichen DNA lieferten die Daten. Hinzu kommt teils frei ver­fügbares Material, etwa zu weltweiten Flugbewegungen, Lichtemissionen der Metropolen, Schaltschemata von Platinen und ähnlichem. Diese Daten, allesamt Binärcodes, transformiert Ikeda in hoch ästhetische und schnell getak­tete, perfekt unterein­ander synchronisierte Bewegtbildsequenzen, diese optischen Choreografien unterlegt er dann mit elektronisch minimalistischem Sound. Rhythmische Sinus­töne, die an Sonargeräte, Echolote oder auch Apparate der Intensivmedizin erinnern mögen, sorgen für eine technisch nüchterne Atmosphäre, white noise, ein undefinierbares Dauerrauschen, oder auch kräftigere Impulse entfachen durchaus körperlich erfahrbare Reaktionen bei den Betrachter*innen. Dominant aber sind die visuell zu verarbeitenden Bild­folgen der 12-minütigen Loops, die auf 16 mal 10 Meter großen Projektionswänden mittels Hochleistungsbeamern realisiert werden. Es braucht wohl mehrere Durchläufe, um wieder Herr der eigenen Sinne zu werden, sich nicht dem Bild- und Soundrausch zu ergeben.

Bei Data-verse, der Titel deutet es an, geht es um eine Phänomenologie des Universums, von der kleinsten physikalisch bekannten Einheit bis zur Unendlichkeit dessen, was wir als Weltall bezeichnen. Unsere eigene Existenz wird so auf ein höheres Niveau der Unerklärbarkeit und damit Bedeutungslosigkeit gehoben, das alte christliche Bildverbot des gottgleichen Blickes von oben auf die Welt durch multiple Perspektiven vom molekularen bis galaktischen Maßstab final negiert. Dieser Ermächtigung folgend werden nach dem optisch eindrucksvollen Urknall nun Zellteilungen mit Datenströmen in Schaltkreisen parallelisiert, anschließend der menschliche Körper in Statur und Komponenten wie Skelett, Blutbahnen und Organen dreidimensional erfasst. Besonderes Interesse gilt seinem Gehirn: Rotierend, datentechnisch seziert und farblich markiert lassen sich Funktionseinheiten wie rechte und linke Hemisphäre, Hypothalamus, Frontallappen, Klein- und Großhirn präsentieren. Ein folgender Dimensionssprung widmet sich der anthropozentrischen Sphäre, etwa den vom Menschen gemachten Städten, die sich ähnlich einer Zellteilung in rasanter Schnelle vermehren. Überformte Kontinente, Oberflächen von Erde oder auch Mond scheinen auf, bis sich am Ende alles in glühender Materie, wohl der Sonne, verliert.

Der medienscheue Ryoji Ikeda, 1966 in Gifu geboren, in Paris und Kyoto tätig, gab in Wolfsburg dann doch ein paar Worte zu Arbeit und Intention preis. Er habe nie etwas gelernt, sagte er, fand seine künstlerische Initiation als DJ in der Clubszene der 1990er Jahre, sieht sich als Komponist. Er schätzt die Freiheit, ohne genau definierte künstlerische Sparten zu arbeiten, fand als adäquates Medium die Daten, den Binärcode, die Pixel des Lichts. Seine Kunst nutzt nun diese omnipräsente Sprache.   

Ryoji Ikeda: data-verse.
Kunstmuseum Wolfsburg,
Hollerplatz 1, Wolfsburg
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 29. März 2020.

Zur Ausstellung ist eine Begleitpublikation erschienen (5,00 Euro).

 




Kunstmuseum Wolfsburg