16/02/20

Die Öffentlichkeit zählt

Ein Künstlerkollektiv realisiert im LWL – Museum für Kunst und Kultur ein Projekt zur Geschichte und Zukunft der Skulptur Projekte Münster

von Nicole Büsing & Heiko Klaas

2077 Filmstill.jpgProjekt 2077, AGB, 2019, Filmstill © Projekt 2077

Nein, wir sind nicht in Entenhausen. Der Ort: Münster in Westfalen im Jahr 1977. Das Projekt: Ein besorgter Bürger reicht einen Gegenvorschlag zur Bespielung der innerstädtischen Aaseewiesen ein, wo die „Giant Pool Balls“, drei große Billardkugeln aus Beton des US-Künstlers Claes Oldenburg, im Rahmen der Ausstellung „Skulptur 77“ im öffentlichen Diskurs für erhebliche Aufregung sorgen. Der Skulptur-Skeptiker hat eine Skizze für eine 40 Meter lange, seetaugliche Ente eingereicht, in deren Bauch wie in einer Galeere Ruderer sitzen, die Fahrgäste über das Gewässer schippern. Eine putzige, auch populistische Idee, die heute, mehr als 40 Jahre später und nach mehreren überaus erfolgreichen Ausgaben der Skulptur Projekte Münster, immer noch ein Schmunzeln hervorruft.

Wie könnten die Skulptur Projekte in ferner Zukunft nach dem Zusammenbruch von „Big Data“ und Männer-Dominanz aussehen? „Projekt 2077. The Public Matters“ lautet der Titel eines visionären Ausstellungsprojekts, das auf die Initiative eines multinationalen Kollektivs von 15 jungen Künstlerinnen und Künstlern zurückgeht, die sich einst in der Klasse von Aernout Mik an der Kunstakademie Münster kennengelernt haben und mittlerweile in Amsterdam, Berlin oder anderswo leben. Im Lichthof des LWL-Museums haben sie zusammen mit der Kuratorin Franziska Kunze ein Setting aus Gerüstelementen installiert, das an ein öffentliches Forum erinnert. Auf den Wänden des dreistöckigen Atriums laufen Videoarbeiten, die sich hintergründig und ironisch mit der Geschichte und möglichen Zukunft der Skulptur Projekte und deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit auseinandersetzen.

Dreharbeiten zu The Public Matters 2, 2019, Projekt 2077.jpegDreharbeiten zu The Public Matters, 2019, © Projekt 2077

Die Basis für die Entstehung dieser mal performativen, mal narrativen, mal persiflierenden Videosequenzen bildet eine intensive Recherchearbeit des Kollektivs im umfangreichen Skulptur Projekte Archiv, das im LWL-Museum angesiedelt ist. Parallel zur Ausstellung ist auch eine Publikation erschienen. Bild- und Quellenmaterial aus der Geschichte der Skulptur Projekte wird
in dem Band um Essays, Gespräche, Fallstudien und Statements ergänzt. ­„Wir bieten Ihnen eine kreative Erfahrung, die sich beim Besuch unseres Projektes 2077 offenbart und Sie von den krankhaften Zwängen der Vergangenheit befreit“, so lautet einer der programmatischen Sätze. Acht Videoarbeiten mit gehörigem Irritationspotenzial sind zu sehen. In dem Video „Sichtbarkeit ist die Währung“ etwa entleiht sich eine junge Frau historische O-Töne des charismatischen Kurators Kasper König. Das männliche Reden über Kunst aus dem Jahr 1977 transformiert sie konsequent in die weibliche Form – und demonstriert so aber auch, was sich in der Zwischenzeit getan hat. In dem achtminütigen Video „AGB“ wiederum wird eine wehrlose Künstlerin mit strengen, juristisch wasserdichten Vertragsbedingungen konfrontiert.

The Public Matters – Die Öffentlichkeit zählt. Immer geht es auch um Fragen der Teilhabe, der Demokratie und der Freiheit. Der Besucher lernt bekannte Skulpturen wie die 1977 entworfene und erst 2007 realisierte Arbeit „Square Depression“ von Bruce Nauman noch einmal ganz neu kennen, indem sie in einem Video eine performative Aufladung erfährt. Auch der eingangs erwähnten Skizze von der seetauglichen Ente begegnet man in der kurzweiligen Ausstellung in Form einer Wandmalerei. Die Wände sind übrigens in irregulärem Farbauftrag in Schwarz, Rot und Gelb gestrichen. Franziska Kunze ist sich der ambivalenten Wirkung dieser in Deutschland als unbehaglich empfundenen Farbkombination durchaus bewusst. „Doch das ist so gewollt“, sagt sie. Schließlich spielt das Projekt ja in einer Zeit, in der Staatsgrenzen aufgehoben sind.

Projekt 2077. The Public Matters.
LWL – Museum für Kunst und Kultur,
Domplatz 10, Münster.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag 9.00 bis 18.00 Uhr, Freitag bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr, jeden zweiten Freitag im Monat bis Mitternacht.
Bis 15. November 2020.

Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen:
Public Matters. Debatten und Dokumente aus dem Skulptur Projekte Archiv,
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2019,
480 S., 35 Euro.




LWL Museum Kunst und Kultur, Münster