28/02/20

Am Ladegerät der Gefühle

Der Bildhauer Camille Blatrix untersucht in der Kunsthalle Basel das emotionale Potenzial von Alltagsdingen

von Dietrich Roeschmann

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Camille Blatrix, Standby Mice Station (Autumn Box), 2020 (Detail), Installationsansicht Kunsthalle Basel, 2020, Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Was würden Sie Ihrem Kind zum ersten Geburtstag schenken? Ein Stofftier vielleicht? Oder lieber etwas, das lärmt oder blinkt und die Sinne stimuliert, sobald es berührt wird? Camillie Blatrix und seine Lebensgefährtin, die im vergangenen Jahr Eltern wurden, haben sich für ein fliegenpilzförmiges Holztischchen entschieden, auf dem ihre Tochter unterschiedliche geformte Klötze in passende Aussparungen versenken oder zu Tierfiguren stapeln kann. Jeder Griff mehrt den Schatz haptischer Erfahungen, fördert Geschicklichkeit, räumliches Denken. Und hinterlässt Spuren – im Hirn des Kindes und auf dem Lack der Objekte. Doch damit ist es nun erstmal vorbei. Seit Mitte Januar steht das Spielgerät nicht mehr im Kinderzimmer von Blatrix' Tochter in Paris, sondern in der Soloschau des 35-jährigen Bildhauers in der Kunsthalle Basel. Ziemlich bunt und etwas verloren wirkt es dort wie eine mitten im Stück verlassene Bühne, grell erleuchtet von einer künstlichen Sonne, deren Licht durch das Glasdach des Oberlichtsaals fällt, als unheilvolles Leuchten aus einer ungewissen Zukunft. Dass dieses Readymade tatsächlich einmal als Spielzeug seiner Tochter in Gebrauch war, ist wichtig für Camille Blatrix, dessen künstlerische Arbeit seit längerem um die emotionalen Beziehungen kreist, die wir zu den Dingen unseres Alltags entwickeln. Was ihn interessiert, sind die Praktiken der Aufladung von Objekten. Wie werden Gegenstände zu Repräsentanten von Erinnerungen, von Ängsten, Sehnsüchten oder Hoffnungen? Und inwiefern hat sich das Industrial Design diese zeitgenössische Variante des Animismus zueigen gemacht, um dem Kapitalismus vorgeblich seine Kälte zu nehmen und ihn zu emotionalisieren?

Für Blatrix ist die Produktion von Kunst eine Frage der Hingabe, ein Investment in Liebe. Die handwerkliche Raffinesse steht dabei oft in reizvollem Widerspruch zum Maschinendesign der Objekte und ihrer konsequenten Verweigerung von Funktion. So verbaute er für seine Basler Austellung präzise gearbeitete Metallscharniere, Steckelemente, Leuchtdioden und ergonomisch geschliffene Holzbohlen zu leitplankenartigen Gebilden, die nun wie mysteriöse High-Tech-Geräte im Stand-by-Modus vor sich hin blinken. Auch andere Arbeiten wirken hier auf seltsam vertraute Weise belebt, als würden sie an Ladegeräten hängen, die sie nicht nur mit Energie versorgen, sondern auch mit Seele. Zum Beispiel: „Mouse“, ein abstraktes Wandobjekt im Look einer futuristischen Bedienkonsole – gefertigt aus Ahorn, Gummi, Plexiglas, Edelstahl und LEDs. Es wird scheinbar aktiviert vom Teil einer kaputten Spielzeugmaus, auch diese – wie so vieles hier – aus dem Besitz der Tochter. Sollte sie ihr Eigentum irgendwann einmal zurückfordern, würde sie den Arbeiten ihres Vaters damit wohl buchstäblich den Stecker ziehen.

Camille Blatrix ist sich der romantischen Grundierung seiner Arbeiten bewusst. Sie gehört zum Spiel. „Ich beginne gerne mit Ideen, die ein gewisses Pathos haben, um sie dann immer weiter zu abstrahieren, bis das Ergebnis etwas verdrehter und fremdartig ist“, sagt er. Aus der besorgten Frage, in welcher Welt seine Tochter künftig wohl leben wird, entstehen dann so schräge, schöne Bildfolgen wie der kleinformatige Jahreszeiten-Zyklus aus unterschiedlichen Furnieren, für den Blatrix in aufwendiger Marketerie-Technik eine Ansicht des Basler Roche Towers (Frühling) mit Porträts von Youtube-Star Grumpy Cat (Sommer), seiner Familie (Herbst) und Teenie-TV-Held Dawson (Winter) zu einem surreal verrätselten Plot über die apokalyptischen Folgen des Klimawandels zusammenstellte. Ein ungewohnt sinnlicher Trip in die Sehnsuchtslandschaften abseits unserer digitalisierten Gegenwart.

Camille Blatrix: Standby Mice Station.
Kunsthalle Basel,
Steinenberg 7, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch und Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.30 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 15. März 2020.

Arbeiten von Canille Blatrix sind zurzeit auch zu sehen in der Ausstellung:
Metamorphosis Overdrive.
Kunstmuseum St. Gallen,
Museumstr. 32, St. Gallen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
7. März bis 6. September 2020.





Kunsthalle Basel
Kunstmuseum St. Gallen