20/02/20

Das paradoxe Symbol

Die Biennale für aktuelle Fotografie 2020 gibt sich so ästhetisch wie politisch

von Annette Hoffmann

georgegeorgiou.jpgGeorge Georgiou, Martin Luther King Day Parade, from the series Americans Parade, Los Angeles, California, 18/01/2016
Die Fotografie war für die Ausbildung eines kulturellen Gedächtnisses und von Gedächtnisorten von großer Bedeutung. Mit zunehmender Bilderflut sind einzelne Fotos mittlerweile selbst ikonisch geworden. Die diesjährige Biennale für aktuelle Fotografie, die in sechs Institutionen in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg stattfindet, befasst sich mit diesem Nachruhm der Bilder. „The Lives and Loves of Images“ zeigt ein ganzes Spektrum an Arbeiten von gut 70 internationalen Künstler*innen und Fotograf*innen. Kuratiert wird die Biennale in diesem Jahr vom britischen Ausstellungsmacher und Autor David Campany (*1967). Für ihn ist die Fotografie „ein Medium, das zum Symbol der Extreme in der heutigen Gesellschaft geworden ist: Privat, aber dennoch öffentlich. Befreiend, aber dennoch begrenzend. Ausdrucksstark, aber dennoch dominant. Wir fühlen uns zur Fotografie hingezogen, und sie ist eine Quelle großer Faszination. Gleichzeitig misstrauen wir ihrer Macht und Manipulation.“

Wer alle sechs Ausstellungen besucht – und Zeit dazu wäre in den acht Wochen ja ‒, der darf sich bei der kritischen Befragung des Mediums auf der Höhe der Zeit fühlen. In der Kunsthalle Mannheim etwa setzen sich Künstlerinnen und Künstler wie Sherrie Levine, Stephen Shore oder Bryan Schutmaat mit dem Werk von Walker Evans auseinander. Sherrie Levine etwa hat Anfang der 1980er Jahre Fotos, die Evans während der Depressionszeit im Auftrag der Farm Security Administration von verarmten Pächtern in Alabama gemacht hat, aus einem Ausstellungskatalog abfotografiert. Levines Werk berührt Fragen der Appropriation, des Copyrights und der Autorschaft bei Ereignissen des Zeitgeschehens. Mit Fotojournalismus befasst sich die Ausstellung im Heidelberger Kunstverein „Yesterday’s News Today“. Die Paradoxie des Titels setzt sich in der Tatsache fort, dass viele Zeitungsverlage aus finanziellen Gründen ihre Fotoarchive aufgegeben und verkauft haben. Mit jedem neuen Kontext verändern die Bilder ihren Charakter, die gestrigen Nachrichten werden zur Kunst von heute. Im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen setzt die Biennale-Schau hingegen bei der Frage von Serien, Archiven und Sammlungen an. „When Images Collide“ geht von einer Gegenüberstellung von Bildern aus, die eigene Narrative schaffen. Im Zeitalter digitaler Bildbearbeitung ist die Übung der Collage und der Montage umso leichter.

Man darf gespannt sein auf die Kollision der Fotos. Denn, so David Campany: „Die kritische Befragung von Bildern ist eine politische Angelegenheit, aber auch ein großes Vergnügen.“  


Biennale für aktuelle Fotografie 2020.
Diverse Orte, Mannheim, Heidelberg, Ludwigs­hafen.
29. Februar bis 26. April 2020.

Weitere Infos unter Biennale für aktuelle Fotografie