13/10/11

Eine Rundumschau vom Buchmarkt

Kunstgeschichten aus New York und Polen, von Kagel und der Modeillustration. Neues vom Buchmarkt.

von red.

Kunstgeschichten aus New York und Polen, von Kagel und der Modeillustration. Neues vom Buchmarkt.




Kat Schuetz: New Yorker Kunst Geschichten, Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2011, 288 S., 24 Euro | 34,90 Franken
Für Eugène Sue, Autor der „Geheimnisse von Paris“, gab es Mitte des 19. Jahrhunderts keinen Zweifel:
die französische Metropole war ein Roman. Die Stadt als Text, an dem unzählige Bewohner mitweben, ist seitdem ein gängiger Topos. Kat Schuetz hat sich und ihren Lesern New York in und als „Kunst Geschichten“ erobert. Darunter sind Begegnungen mit dem New Yorker Galeristen Leo König, dem Kritiker Robert Storr, aber auch dem Filmemacher Jonas Mekas und Louise Bourgeois bei ihrem sonntäglichen Salon. Die zwölf Kapitel des Buches lesen sich wie Stadtspaziergängen in Begegnungen: so subjektiv, naiv und charmant wie ein Blog, mitunter redundant und voller Lesefrüchte – die Künstlerin, Kuratorin und Autorin Kat Schuetz zitiert Hesse, Heidegger und die postmoderne Philosophie, aber auch „Sex in the City“ und entwirft dabei ein Bild der Stadt, das im ständigen Wandel begriffen ist. So fragmentarisch und überraschend wie das Bild der „Salatschüssel“, das das Miteinander der verschiedenen Gruppen in New York veranschaulicht.
Annette Hoffmann


François Berthoud Studio, Hatje Cantz, Ostfildern 2011, 240 S., 35 Euro | 47.90 Franken
François Berthoud ist kein Freund der Fotografie. Mit gutem Grund: eine Kamera sieht zwar das Licht, das die Oberflächen der Wirklichkeit reflektieren. Aber die Wünsche und Leidenschaften, die darunter glühen, kann sie nicht erkennen. Deshalb greift der 49-Jährige lieber zu Linolmesser, Ölfarbe und Pinsel, wenn es darum geht, Mode angemessen in Szene zu setzen. In den Achtzigern war der Schweizer einer der ersten, der die Illustration gezielt als Gefühls- und Fantasiebeschleuniger des Fashion Designs nutzte. Magazine wie „Vogue“ und „Vanity“ druckten seine Arbeiten, es folgten Aufträge für Couturiers wie Yves Saint Laurent, Sonia Rykiel und Victor & Rolf. Heute gehört Berthoud zu den einflussreichsten Mode-Illustratoren der internationalen Szene. Seine prägnanten Silhouetten, die subtile Erotik, mit der er es versteht, stoffliche in visuelle Reize zu übersetzen und sein intensiver Flirt mit der Kunst von Warhol, Jackson Pollock und dem deutschen Expressionismus machen seine Illustrationen zu unverwechselbaren Ikonen der gezeichneten Mode. Das tolle Künstlerbuch gibt nun umfassend Einblick in das Schaffen dieses Verführers an Zeichentisch und Druckerpresse.
Dietrich Roeschmann


Mauricio Kagel: Zwei-Mann-Orchester, Schwabe AG, Basel 2011, 135 S., 19,80 Euro | 28 Franken
Was kann man von einem Komponisten erwarten, der von sich selbst sagt, dass alles, was er tue, in dem lateinischen Begriff „componere“ – zusammensetzen – stecke? Richtig: Musik aus dem Baukasten. Mauricio Kagel ging da allerdings noch einen Schritt weiter. Für sein 1973 fertiggestelltes Stück „Zwei-Mann-Orchester“, das kürzlich durch die Räume des Basler Museum Tinguely tönte, schrieb er keine Partitur, sondern lediglich eine lockere Gebrauchsanweisung für die Musiker, die sich einen Haufen alte, kaum noch funktionstüchtige Instrumente zusammensuchen sollten, um aus ihnen ein „unselbständiges Automatonfon“ zu bauen, das sie nach vage bestimmten Regeln mit rhythmischen und harmonischen „Modellen“ zu füttern hatten. Das Ergebnis war eine der verrücktesten Soundskulpturen der Neuen Musik, die gezielt die Beziehung zwischen Musik- und Klangkörper auf den Kopf stellte. Entsprechend inspirierend und unterhaltsam liest sich nun die Wirkungsgeschichte dieses bizarren Werks.
Dietrich Roeschmann


Piotr Iwicki: Lost Spaces, modo Verlag, Freiburg 2011, 96 S., 24 Euro | 41 Franken
Das Verführerische an Schrott ist die Sensation der Form. Piotr Iwicki weiß das zu nutzen. Dicht auf dicht stapeln sich in den Breitwandformaten seiner Serie „No Comment“ die zerquetschten Autoleichen, zwischen aufgeplatzten Blechhäuten quellen Kabelschläuche wie Eingeweide hervor – und mitten aus diesem Chaos in Blauschwarzmetallic glüht ein roter Schein. Was dieser beleuchtet, ist das Problem der vorschnellen Assoziation: klar, Zerstörung, Feuer, Blut und Schrott – das passt gut zusammen. Aber ließen sich diese apokalyptischen All-Over-Strukturen nicht auch als eine konzeptuelle Auseinandersetzung mit der Ordnung unseres visuellen Wissens verstehen? Iwicki erfindet seine Bilder seit jeher aus selbst fotografierten oder anderweitig verfügbaren digitalen Bildinformationen. Am Computer bearbeitet und arrangiert er sie so, dass sie einerseits verblüffende Illusionen erzeugen, andererseits aber jede Suggestion unterlaufen, indem sie als Instrumente der Reflexion ihrer eigenen Entstehung immer lesbar bleiben. Wie sehr seine virtuellen Bildwelten dabei mittlerweile auf Tuchfühlung mit der Malerei gehen, zeigt jetzt eine schöne Monografie des in Freiburg lebenden Künstlers
Dietrich Roeschmann


The Power of Fantasy: Modern and Comtemporary Art in Poland, Prestel Verlag, 2011, 160 S., 39,80 Euro | 54 Franken
Lange galt Kunst aus Polen als düster, schwer und spröde – zu kompliziert für einen internationalen Markt, dem der Glamour des Pop näher war als die subversive Kraft einer Kunst, die sich zwischen katholischer Tradition und sozialistischer Moderne ihren eigenen Weg suchen musste. Wie sich ausgerechnet hier in den letzten Jahren eine der lebendigsten und spannendsten jungen Kunstszenen Europas entwickelte, ist in diesem üppig ausgestatteten Bildband nachzulesen, der neben ausführlichen Essays zur Geschichte und den Folgen der polnischen Moderne einen umfassenden Überblick über die wichtigsten Protagonisten der aktuellen Szene gibt.
Dietrich Roeschmann

Verlag für moderne Kunst
Hatje Cantz
Schwabe Verlag
Modo Verlag
Prestel Verlag