21/12/11

Bilder-Essays

Fotobücher, die nicht nur zu Weihnachten erfreuen. Entdeckungen aus den Verlagsprogrammen.

von Annette Hoffmann

Fotobücher, die nicht nur zu Weihnachten erfreuen. Entdeckungen aus den Verlagsprogrammen.



Annie Leibovitz, Pilgrimage. Pilgerreise zu Kultorten, 246 S., Schirmer Mosel Verlag 2011, 49,80 Euro, 70,00 Franken
Bleibt man im Bild der Pilgerschaft, die Annie Leibovitz als Titel dieses Fotobandes gewählt hat, ist es eine spiralenförmige Spur, der sie folgt. Anfänglich noch als „Schönheiten-Buch“ zusammen mit Susan Sontag konzipiert, ist „Pilgrimage“ eine Publikation geworden, die zu sehr persönlichen und sehr amerikanischen Orten führt. Denn obgleich Annie Leibovitz Freuds Couch und im Haus von Virginia Woolf fotografiert hat, sind es Orte wie die Niagarafälle, der ehemalige Standort von Ralph Waldo Emersons Hütte sowie Georgia O’Keeffes Ghost Ranch, das Yosemite-Valley und eben Robert Smithsons Spiral Jetty, die diesen Band prägen. Schön sind sie nicht minder. Es mag ein wenig überraschen, dass Annie Leibovitz, die mit Porträts bekannt geworden ist, Orte und Interieurs aufnimmt. Doch diese sind derart eng mit jenen verbunden, die hier früher lebten, dass sie wie Porträts wirken. Mehr noch, deren frühere Bewohner sind tot und so zeugen die Objekte, etwa Virginia Woolfs Schreibtisch oder ein weißes Kleid von Emily Dickinson, vom einstigen Leben. Zugleich aber zeigt Leibovitz, dass all diese musealisierten Wohnräume bewusste Arrangements sind, Rekonstruktionen und Fälschungen. Wie auch die Fotografie. Und so ist „Pilgrimage“ nicht allein ein sehr persönliches Buch geworden, das sich auf eine ganz eigene Weise mit dem Tod auseinandersetzt, es ist auch ein Essay über die Fotografie und die Macht des Bildes.


Simone Kappeler, Seile, Fluss, Nacht, hrsg. von Markus Stegmann, Hatje Cantz 2011, 35,00 Euro, 47,90 Franken
Randunschärfe ist ein schönes Wort. Und selbst wenn die Aufnahmen von Simone Kappeler scharf sind, mitunter sogar sehr scharf, bleibt ihnen doch eine gewisse Vagheit. So als ob einem Tage, an denen mehrere Krähen auf einer gelben Wiese Platz gefunden haben oder weiße Pfauen vor prunkvoller Kulisse ihr Rad schlagen, entgleiten könnten. Der vorliegende Fotoband vereint Aufnahmen der 1955 geborenen Simone Kappeler aus den Jahren zwischen 1960 und 2011 und geht auf ihre Ausstellung im Museum Allerheiligen in Schaffhausen zurück. Kappeler, unter deren Motive sich Theaterszenen, die Natur, Adoleszenz, Porträts und Straßenszenen befinden, treibt ihre Fotografien oft bis zu einem Punkt, an dem ihre Schönheit unglaubwürdig wird. Diese drei Schmetterlinge am Obstsalat, sind sie wirklich da gewesen oder die Ziege vor dem Stall, der wie ein Chalet aussieht? Kappeler erkundet nicht allein, wie Bernd-Alexander Stiegler in einem Essay feststellt, die historischen Möglichkeiten der Fotografie, sie macht diese Entdeckungsreise auch mit den unterschiedlichen Kameramodellen: Wegwerfkameras, aber auch Leicas und Hasselblads. Die Unschärfe setzt sich fort, ist aber kalkuliert.


Frank Gaudlitz, Sonnenstraße, Hatje Cantz 2011, 208 S., 39,80 Euro, 53,90 Franken
Was wüsste man nicht alles zu fragen. Welche Bedeutung diese Büsten mit dem Smokingvorsatz für Juan Vicente Miguitama Quichimbo aus Cuenca haben, was für eine Uniform Fabián Eduardo Yerovi Ambato aus Riobamba mit sichtlichem Stolz trägt oder was in den unzähligen bunt gestreiften Säcken aufbewahrt wird, vor denen Lenin Guaman aus Malacatos sich aufgestellt hat. Doch Frank Gaudlitz’ Porträts von der Sonnenstraße sind alles andere als geschwätzig, sie schweigen sich über die näheren Lebensumstände der Menschen weitgehend aus. Frank Gaudlitz hat seine Aufnahmen in Kolumbien, Ecuador und Peru aus der jeweils gleichen Perspektive gemacht. Die Frauen, Männer und Kinder sind jeweils als ganze Figur zu sehen und geben zugleich einen kleinen Einblick in ihre Welt. Matthias Flügge zieht daher in seinem kurzen Katalogtext eine Verbindung zu August Sanders Porträts. Doch Gaudlitz’ Aufnahmen sind keine Stellvertreter von Berufsständen und sozialen Klassen – und wenn sie es wären, so sind die Codes nicht zu entschlüsseln – mehr als das Alter und den Wohnort erfährt man nicht. Aus den Gesichtszügen, mehr aber noch aus der Ausstattung ihrer Häuser lassen sich Rückschlüsse daraus ziehen, wer zur indigenen Bevölkerung, wer zu den ehemaligen Kolonialisatoren gehört.
Einzig Alexander von Humboldts Reiseaufzeichnungen aus den Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents sind zwischen die Porträts und die schwarz-weiß gehaltenen Landschaftsaufnahmen gestreut. Auf der Schwelle zum 19. Jahrhundert war Humboldt dem alten Inkaweg, der Sonnenstraße, gefolgt und hatte nicht nur ein Auge für die atemberaubende Schönheit der Natur, sondern auch für die Zerstörung der Reste einer ursprünglichen Kultur durch die Europäer. Dieser Gemengelage erweist Frank Gaudlitz mit seinen Fotografien Respekt.

Schirmer Mosel Verlag

Hatje Cantz