02/01/20

Auch eine Form kinetischer Kunst

Das Museum Tinguely widmet dem neuseeländischen Künstler Len Lye eine Retrospektive

von Annette Hoffmann

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Len Lye, Colour Box, 1935, Filmstill (Ausschnitt), © Courtesy Len Lye Foundation & British Postal Museum and Archive, Courtesy Nga Taonga Sound & Visions
Kunst sucht nach neuen Impulsen, um sich von der Tradition zu befreien. Len Lye (1901-1980), dem das Museum Tinguely eine Überblicksausstellung widmet, war Autodidakt. Die Malerei der Aborigines, die wichtig für seinen ersten 1929 entstandenen Experimentalfilm „Tusalava“ wird, machte er sich in Bibliotheken und Museen zu Eigen. Len Lyes Rückgriff auf das Erbe Australiens und Neuseelands ist für westliche Betrachter exotisch und ungewöhnlich. 1926 übersiedelt er nach London und 1944 dann nach New York. Neben der Bildwelt der Aborigines wird für ihn in den 1920er Jahren auch die Lektüre der Werke Sigmund Freuds wichtig. Im Museum Tinguely sind seine Skizzenbücher „Totem und Tabu“ zu sehen, die zwischen 1922 und 1926 in Sydney entstehen. Die Abschrift von Freuds gleichnamigem Werk wird begleitet durch farbige Zeichnungen von Skulpturen und den stark stilisierten Mustern und Ornamenten der Maori, der Aborigines, aber auch russischer Konstruktivisten. Diese Auseinandersetzung mit der indigenen Kunst geht später beinahe nahtlos in Zeichnungen von Apparaten über, die an Mikroskope, aber auch riesige Maschinen erinnern. Auch in „Tusalava“ gibt es das Prinzip von Protagonist und Antagonist, die beiden abstrakten Wesen, die sich die Bildfläche teilen, agieren miteinander.

 

In England sollte er für eine Trickfilmfirma arbeiten können. Lye bezeichnete sich selbst als „motion composer“, als jemanden, der Bewegung komponiert. Es ging seiner Generation um bewegte Bilder, die auf Narration verzichten konnten. Len Lye verstand den Film als eine kinetische Kunst, er versuchte ohne Kamera auszukommen und behandelte das Filmmaterial direkt. Das Ergebnis waren Arbeiten, in denen Farbe, Klang und Form auf eine dynamische Weise verbunden waren. Von hier aus war der Weg zu kinetischen Skulpturen nicht weit. Mechanismen, die in schwarzen Sockeln versteckt sind, treiben Lyes Skulpturen an, setzen dünne Metallbleche so in Schwingung, dass sie einen Korkball touchieren, ihre Bewegungen aber das Auge überfordern. Sie sind Klang und dynamisches Bild. Wie total Lye diese Erfahrung gedacht hat, zeigt die Zeichnung „The Universe“ aus dem Jahr 1966, die wie eine Skizze zu dieser kinetischen Skulptur wirkt. Etwa zur gleichen Zeit arbeitet er an dem Entwurf für einen „Universe Walk“, eine Art begehbarer Skulpturenweg für alle Sinne. Er ist angelegt wie ein Initiationsritus, die Kunst als quasireligiöses Erlebnis, hier kam Len Lye an eine Grenze, sowohl gedanklich als auch praktisch.  

 

Len Lye
Museum Tinguely
Paul-Sacher-Anlage 1, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 26. Januar 2020.

 

 






Mueum Tinguely