16/12/19

Photos on the Dancefloor

In der Nacht können wir uns ausleben, so sein, wie wir es uns am Tag nicht getrauen. Eine fotografische Erkundung im Fotomuseum

von Giulia Bernardi

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Bieke Depoorter, aus der Serie „Agata”, 2017, © Bieke Depoorter / Magnum Photos
Die Nacht kann trügerisch sein; ihre Dunkelheit vermag jene Dinge zu verschleiern, die andere nicht sehen sollen. In diesen Schleier hüllen wir uns ein, fühlen uns geborgen, genug sicher, um jenes Ich auszuleben, das wir bei Tageslicht verbergen, vor den voyeuristischen, den verurteilenden Blicken. Die Nacht kann aber auch offenbarend sein; in ihr entdecken wir ein neues Selbst, ein längst Vergessenes, ein nie zuvor Dagewesenes.

Die Nacht gleicht einer Entdeckungsreise, die beginnt, sobald die Dunkelheit anbricht. Eine Entdeckungsreise, die nicht festgehalten wird, vergänglich ist, die im Rausch des starken Alkohols, der lauten Musik, des frenetischen Tanzes in Vergessenheit gerät. „No Photos on the Dancefloor” heisst es in so manchen Clubs, währenddessen die Smartphone-Kamera mit bunten Stickern abgeklebt wird.

Vielleicht wollen wir diese Reise auch vergessen, weil uns selbst zu erkunden schmerzvoll sein kann; weil es schmerzvoll sein kann, uns wieder davon zu verabschieden. Denn sobald die Lichter im Club angehen und wir im Morgengrauen langsam Heim spazieren, kehren wir zu unserem gesellschaftstauglichen Ich zurück.

Die Serie „Agata”, die derzeit zusammen mit Arbeiten unter anderen von Tobias Zielony und Georg Gatsas in der Gruppenschau „Because the Night” im Fotomuseum Winterthur präsentiert wird, ist ein eindrückliches Porträt der Suche nach sich selbst. Darin porträtiert die belgische Fotografin Bieke Depoorter die Stripperin Agata, die sie 2017 in einem Stripteaseclub in Paris kennenlernte. Dort sass Bieke eines Abends an der Bar, lächelte. Agata war fasziniert von ihr, von ihrer Neugierde, von dem, was sie wohl dahin verschlagen hatte. Sie kamen sich näher, wurden Freundinnen. Und ihre Reise begann.

Seitdem begleitet Bieke Depoorter ihre Protagonistin durch das Nachtleben. Sie begleitet die Persona, die Agata immer wieder aufs Neue erschafft; die Persona, die authentisch und unaufrichtig zugleich ist, die vieles preisgibt und einiges verbirgt. Es ist die Agata, die in einer Stripteasebar posiert, nackt und selbstbewusst; die Agata, die unter der Dusche steht und mit abwesendem Blick an der Kamera vorbeistarrt. Es ist die Agata mit und ohne Make-up, die Agata dazwischen. Es ist die Stripperin, die Performerin, das kleine Mädchen, die Liebhaberin. Agata betrachtet die Fotografien, manchmal erkennt sie sich selbst wieder, manchmal nicht. Und doch muss das wohl sie sein. „I can hardly recognise myself in this picture. But this must be how I look like”, schreibt sie in einer der vielen Notizen, die nun im Fotomuseum an der Wand zu lesen sind.

Mit jeder Nacht, die vergeht, lernt Bieke Depoorter die Welt von Agata besser kennen – und Agata sich selbst. Sie sieht ihr performendes, ihr energetisches, ihr exzessives Ich, aber auch jenes Ich, das müde auf dem Sofa liegt, das zu müde ist, um sich selbst zu inszenieren. „Is this real Agata?”, fragt sie sich. Der nachdenkliche Ton ist in den Notizen förmlich spürbar, der Kampf mit sich selbst, und damit, sich selbst zu akzeptieren, sich selbst anzuerkennen. Und schliesslich schreibt Agata Frage und Antwort zugleich nieder: „Isn’t it rather just a part of me? Every picture presents just a part.”

Doch was geschieht mit Bieke Depoorter, mit der Person, die hinter der Kamera steht? Kann sie sich verstecken, zurückziehen? Voyeurin sein? Oder ist sie genauso exponiert, genauso involviert wie Agata selbst? Vielleicht fungiert die Protagonistin Agata als Spiegel, der Bieke die eigenen Ängste und Sehnsüchte vor Augen führt – so, wie es die Fotografien bei Agata tun. „You wanted to look for myself with me”, schreibt ihr Agata in einer Notiz. „Maybe you look for yourself, while looking for me.”          

 

Because the Night.
Fotomuseum Winterthur
Grüzenstr. 44+45, Winterthur.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 16. Februar 2020.

 

 

 




Fotomuseum