13/12/19

Sebastian Stadler

Der Künstler und Manor-Kunstpreisträger St. Gallen gibt den Dingen mit der Fotografie eine Bühne und erprobt alternative Sichtbarkeiten

von Katrin Bauer

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Sebastian Stadler, Swimming Pool, 2019, Videostill, Courtesy the artist
Dass gegenwärtig agierende Fotokünstlerinnen und -künstler durch das fotografische Medium dessen traditionelle Rezeptionsmodi kritisch in Frage stellen, trifft auch auf die Praxis von Sebastian Stadler (*1988) zu. Seit seinem Fotografiestudium an der Ecole cantonale d'art de Lausanne und der Zürcher Hochschule der Künste interessieren ihn das differenzierte Wahrnehmen und fotografische Lesen von Orten. Die daraus resultierenden Arbeiten erforderten dennoch nicht nur vom Künstler ein aktives Hinsehen: mit seiner aktuellen Soloschau „Pictures, I think“ im Kunstmuseum St. Gallen wird auch das Publikum dazu angehalten, das facettenreich bildlich Dargestellte auf seinen Entstehungsprozess hin zu enträtseln. Die Ausstellung vereint dabei neue Videoarbeiten und fotografische Serien.

Szenenwechsel. Von oben hinab, aus einem Hochhausfenster gefilmt, verharrt unser Blick auf einen im Swimming-Pool stehenden Mann. Auf der Suche nach etwas, das auf dem Boden liegen geblieben sein könnte, schreitet er das große Becken, mit dem Blick nach unten gerichtet, ab.  Was wie ein surreales Schauspiel wirkt, will mit den eigenen Augen durchwandert, erspürt, überdacht werden. Die im Hintergrund der Szenerie auf einem Schulhof umher rennenden Schüler, selbst versunken in ihre Spiele, bilden eine asynchrone Ebene zum unfreiwillig gewordenen Protagonisten im Badebecken. Dieses bewusste Betrachten von alltäglichen Begebenheiten steht im Fokus dieser von Stadlers in Japan entstandenen Videoarbeit „Swimming Pool“ (2019). Es sind die ephemeren Dinge, auf die er dabei seine Kameralinse ausrichtet und die unseren Blick entschleunigen lassen.  Erst belanglos wirkend, wohnt den Filmsequenzen dennoch eine tiefgehende Bewegtheit zu den absurden Momenten des Menschseins inne.

Was steht für Stadler hinter diesem künstlerischen Vorgehen? Durch die Fokussierung auf scheinbar passive Alltagsbegebenheiten rücken die Dinge selbst in eine aktive Rolle. Aus dieser Perspektive heraus, visualisiert Stadler einen distanzierten Blick auf unsere Lebenswelt. „Viele meiner filmischen Arbeiten nähern sich dem Fotografischen an“, sagt der Fotokünstler im Gespräch. „Bei der Videoarbeit vos travaux geht es eigentlich um Fotografie – aber in Form eines Films.“ Eine Arbeit, die während seines visarte-Atelieraufenthaltes im Jahre 2016 in Paris entstand. Dort entdeckte Stadler ein Fotolabor, in welchem die Pariserinnen und Pariser ihre Schwarzweiß-Filme entwickeln lassen. Für den daraus entstandenen künstlerischen Film dokumentierte er von der gegenüberliegenden Seite der Straße die unbewussten Gesten der Fotolabor-Kundinnen und -kunden, die dabei intime Reaktionen auf ihre eigenen, uns nicht ersichtlichen, soeben entwickelten Fotografien offenbaren.

Stadler geht es nicht um die sachliche Erforschung von Orten, sondern vielmehr darum, den Dingen eine Bühne zu geben, ein bildnerisches Netz aus Narrativen zu spinnen und alternative Sichtbarkeiten zu erproben. Damit verweigert er bewusst den traditionellen Gestus des Fotografischen, die Wahrheit abbilden zu wollen. Seine Arbeiten bestechen deshalb mit der Überzeugung, dass das Medium Fotografie mit seinen gegenwärtig digitaltechnisch avancierten Gestaltungsmöglichkeiten auch neue, visuelle Sprachen einnehmen kann, um auf experimentelle Weise auszudrücken, wie wir heute Bilder lesen.              

 

Sebastian Stadler.
Kunstmuseum St. Gallen
Museumstr. 32, St. Gallen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 16. Februar 2020.

Sebastian Stadler: L’apparition, Kodiji Press, Baden 2020.

 






Sebastian Stadler
Kunstmuseum St. Gallen