29/11/19

Brigham Baker

Der in Zürich lebende Amerikaner schafft Kunst auf der Schnittstelle von Kultur und Natur

von Annette Hoffmann

brighammanor.jpg

Brigham Baker, Apple, 2019, Courtesy the artist, © Brigham Baker, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Winterthur
Wie kleine Lampions hängen sie da. Eine perfekte Rundung, eine schöne Farbe. Wenn ein Apfel reift, hat er bereits einiges überstanden. Der Frost ist an den Blüten vorbeigegangen, Spinner und Wickler, Sommertage mit Regen und Gewitter, neuerdings mit zu viel Sonne. Wenn er den Zenit überschritten hat, schaut keiner mehr so recht hin. Brigham Baker (*1989)

hat es getan und zeigt in einer Reihe von Fotografien, was im Herbst mit den verbliebenen Äpfeln passiert. Den Baum hat er täglich, aber zu verschiedenen Tageszeiten besucht. Obgleich seine Serie „Apple“ wie ein Porträt auf dem Zeitstrahl wirkt, hat der Hintergrund der Fotografien so gar nichts von der Objektivität eines Experiments. Mal hängt der Apfel vor nächtlichem Schwarz, dann wieder ist etwas anderes scharf gestellt: ein Stillleben mit Tendenz zur Vanitas. Hier ist nicht zu übersehen, dass der Zahn der Zeit nagt.

Nur, das Sprachbild ist zu schön für das, was geschieht. Obst hat viel Wasser und so gar nichts von der Festigkeit des Steins, der Apfel schrumpelt, er bekommt Schrunden, fault und wird schwarz. Es sieht ein bisschen aus als wollte das Innen unbedingt nach außen. Der Titel seiner Einzelschau im Kunstmuseum Winterthur anlässlich des Manor Kunstpreis Zürich „Schmetterlinge“ lässt da andere Metamorphosen erwarten. Er wollte ein Gefühl für die Zeit bekommen, sagt der aus Kalifornien stammende Künstler in einem Interview und dass er überrascht gewesen sei, welchen Einfluss Pflanzen auf den Menschen haben.

Dabei ist Baker ein Künstler, der sich bis dahin schon intensiv mit der Natur befasst hat. Nicht unbedingt, um die eigene Vergänglichkeit in ein metaphorisches Bild zu überführen, eher um Prozesse zu analysieren, um auseinanderzunehmen und neu aufzuziehen. In den letzten Jahren sind die Arbeiten ästhetischer geworden, so sind Tondi aus sonnengebleichtem Markisenstoff entstanden, aber auch Bienenwaben, die die Farbe der Nahrung der Bienen angenommen haben. Vor einigen Jahren waren seine Arbeiten noch viel häufiger mit Apparaturen verbunden, wobei die Idee des Werks weitaus poetischer ist als das, das diese transportiert. Als Abschlussarbeit seines Studiums der Fotografie in Zürich präsentierte er auf der Plattform 16 im Walcheturm eine Installation mit einem komplexen, aber keineswegs high­endmäßigen Beleuchtungs- und Bewässerungssystem. Die Fußmatten, die als Habitat kleiner Sämlinge dienten, stammten aus Zürich. Was zum Keimen gebracht wurde, kam von außen und sollte von dieser Barriere daran gehindert werden, in die Wohnung zu gelangen. „Embedded Landscapes“ lautet der Titel der Arbeit, die aus den Keimlingen und der Feldforschung Bakers eine ganze Landschaft entstehen ließ.

An solchen, beinahe osmotischen Grenzen ist Baker auf eine ganz grundsätzliche Weise interessiert. Zwischen den Glasvitrinen von „Hive“, die unter anderem im Kunstverein Friedrichshafen zu sehen waren und aus denen das Summen von Bienen drang, liegen angefressene Zeitungsseiten. Die Fressspuren stammen von zwei Bienenvölkern, die der Imker miteinander vereinen wollte und anfangs durch diese Zeitungsseiten voneinander trennte. Die beiden Völker haben sich zueinander durchgefressen und dabei aneinander gewöhnt. Und vielleicht sind Brigham Bakers Arbeiten weitaus weniger Recherchen und künstlerische Forschung als Werke, an denen manchmal Tiere und Pflanzen beteiligt sind.     

 

Brigham Baker: Schmetterlinge.
Kunstmuseum Winterthur | Beim Stadthaus
Museumstr. 52, Winterthur.
Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 20.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 5. Januar 2020.

 

 

 





Kunstmuseum Winterthur
Brigham Baker