19/11/19

Claudia Piepenbrock

[artline>Nord] Die in Bremen lebende Bildhauerin konstruiert spannungsreiche Zustände der Ambivalenz und baut Räume in Räume

von Rainer Beßling

00 Claudia Piepenbrock.jpgClaudia Piepenbrock, Kabinenbogen, rangierend und sittsam, 2017, Ausstellungsansicht Kunsthaus Essen, Foto: © Claudia Piepenbrock

Die Intervention ist minimal, doch von weitreichender Wirkung. Für ihre Einzelausstellung im Gerhard-Marcks-Haus vergittert Claudia Piepenbrock (*1990) die Eingangstreppe in die zentrale Halle des Museums. Aus dem Zugang wird eine Aussichtsplattform, von der man auf eine Skulptur schaut, die einen Raum im Raum bildet. Sie wirkt wie ein Pavillon, erinnert in Kolorit und den weichen organoiden Formen an traditionelle Zeltbauten. Stellt sie sich aus einer Perspektive als plastisches Objekt dar, in dem die Augen wohnen und die Assoziationen an temporäre Unterkünfte vagabundieren können, ist sie von der Rückseite des Raums begehbar. Anschauen und Betreten sind die beiden Pole des Austausches mit dem plas­tischen Körper. Die Architektur temperiert den umgebenden Raum, schafft ein räumliches Erlebnis und wird vom Besucher durch äußere Präsenz und seine inneren Zuschreibungen aufgeladen. Der Innenraum der Konstruktion aus Stahl, Blech und Schaumstoff ebnet Begegnung, schirmt ab, dämmt und verdichtet Erfahrung. Die Künstlerin lässt wirkungsgenau die Materialien in ihren spezifischen Eigenschaften bei der atmosphärischen Raumbesetzung sprechen.

Die Raumskulptur ist eine von acht Zonen, mit denen Claudia Piepenbrock die Ausstellungsräume besetzt und überblendet. „Zustand in Zonen“ nennt sie den Parcours, auf dem karge Interventionen in Resonanz auf die Ortscharakteristik Wege weisen, Zugänge offerieren, verschiedene Raumerlebnisse ebnen und zugleich thematisieren. Bei „In the Yard“ etwa trifft der Besucher auf drei abstrakte Skulpturen in Menschenanmutung, die im Zusammenspiel mit Wand bildenden Gittern Begegnungssituationen in einem abgeschirmten oder abgesperrten Bezirk assoziieren lassen. Das Zusammenspiel von Raum markierender Plastik, Ort und Besucher ist auch Thema, wenn ein Block wie eine Bank zum Verweilen und Ausblick aufruft. Videos von verschiedenen Landschaftsschauplätzen verweisen auf die Assoziationen, mit denen wir auf abstrakte Raumsituationen schauen und diese emotional besetzen. Wortskulpturen aus Neonröhren rücken mit Begriffen wie „Passagier“, „Station“ oder „Transit“ die kritische globale Wirklichkeit von Raumerfahrung in den Blick. Individuelle Einschreibungen und gesellschaftliche Besetzungen durchwirken die formal zugespitzten Raumverhältnisse. Die große Einzelausstellung im Marcks-Haus, Teil des Karin-Hollweg-Preises, den die Künstlerin 2016 zugesprochen bekam, bündelt ihr bisheriges Schaffen. In der Kestner Gesellschaft Hannover etwa installierte sie „Kabinenbogen, zonierend und sittsam“. Die Arbeit vollzog die Arkaden in den Ausstellungsräumen nach. Drei Kabinen in der Reihe füllten die Rundbögen, trennten die Apsis vom Hauptraum und verbanden zugleich beide Bereiche durch einen Passagenbezirk.

In der Bremer Weserburg bildete Piepenbrock aus stahlgerahmten Schaum­stoffelementen einen fünf Meter langer Gang, der kurvig in einer Raum­ecke auslief. Der Gang konnte durchschritten werden. Von außen evozierte die Raumarbeit in Farbe und Form einen malerisch monochromen Charakter. Der Gang schluckte Geräusche. Er schirmte ab und konnte zugleich Ängste we­cken, Gefühle der Enge und Gefangenschaft. Claudia Piepenbrock markiert und definiert Räume im Raum. Sie schafft eigenwillige Material-Ensembles mit einer Auffächerung verschiedener Zustände. Ihre installative Arbeit bahnt Berührungen mit einem Ort und dessen Situationsspezifik an. Ihre vor allem auf Materialeigenschaften basierende, vieldeutige Formgebung inszeniert körperlich grundierte Erfahrungen zwischen Faktischem und Potenziellem, Teilnahme und Beobachtung, Nähe und Distanz. Ihre Kunst entwickelt das Eigenleben der Räume und entfacht räumliches Erleben.

Claudia Piepenbrock: Zustand in Zonen.
Gerhard Marcks Haus, Am Wall 208, Bremen.
Bis 17. November 2019.

Claudia Piepenbrock: Von Steg zu Steg.
Cuxhavener Kunstverein, Segelckestr. 25, Cuxhaven.
Bis 10. November 2019. www.cuxhavener-kunstverein.de




Claudia Piepenbrock
Marcks Haus Bremen
Cuxhavener Kunstverein