12/11/19

Andrea Bowers in der Weserburg Bremen

[artline>Nord] Die Retrospektive der US-amerikanischen Künstlerin und Aktivistin zielt auf die Sozialisierung von Protestformen

von Radek Krolczyk

BowersWomen2018quer.jpgAndrea Bowers, Trust Women, 2018, Foto: Tobias Hübel, Courtesy Capitain Petzel, Daskal Collection, © Andrea Bowers

Die Werkschau der US-amerikanischen Künstlerin Andrea Bowers (*1965) in der Weserburg ist typisch – sowohl für die Künstlerin als auch für die neue Direktorin des Museums. Seit einem Jahr leitet Janneke de Vries nun das Bremer Museum für Gegenwartskunst. Andrea Bowers ist die erste lebende Künstlerin, der sie eine monografische Ausstellung widmet. Typisch an der ganzen Sache ist eine entschiedene politische Haltung. Denn Bowers ist als eine Künstlerin bekannt, die nicht nur immer wieder auf politische Kämpfe Bezug nimmt, sondern selbst politisch aktiv ist. Das gilt auch für die neue Direktorin, die sich als langjährige Leiterin der dem Museum benachbarten Gesellschaft für aktuelle Kunst (GAK) bereits in Ausstellungen deutlich gegen Nationalismus gewendet hatte, die aber auch, ganz realpolitisch, für den Verbleib von GAK und Museum auf der innerstädtisch gelegenen Teerhofinsel gekämpft hat – übrigens mit Erfolg.

Nun findet man in der Ausstellung eine Arbeit, welche die international bekannte Künstlerin eigens für die Bremer Ausstellung konzipiert hat. „Peoples' Initiative Poetic Protest“ ist eine große Wandzeichnung aus Graphit, in der Andrea Bowers Bezug nimmt auf eine Initiative, die in der direkten Nachbarschaft des Museums aktiv ist. Entlang der kleinen Weser stehen 136 alte Platanen, die von der Bremer Umweltsenatorin gefällt werden sollen. Ziel sei die Deichsicherheit, argumentiert das ironischerweise grün geführte Ressort. Bowers hat nun eine ganze Wand mit Zeichnungen von Blättern gefüllt, denen sie kleine Verse zur Seite gestellt hat. Ein wenig kitschig ist diese Intervention schon. Interessant aber ist sie im Zusammenhang des Gesamtwerkes der in Ohio geborenen Künstlerin, von dem man in der Weserburg einen Ausschnitt zu sehen bekommt. Denn aus solcherart Ansammlungen vieler ähnlicher, aber doch unterschiedlicher Protestaccessoires setzt sich manches ihrer Werke zusammen. So trifft man in dieser Retrospektive auf gleich mehrere Demonstrationen gegen vielerlei politische Schweinereien. In ihrer Arbeit „Workers Rights Project“ sammelt sie seit zehn Jahren Parolen der Arbeiterbewegung, die sie auf Geschenkpapiere sprüht.

Die Installation „Political Ribbons“ ist ebenfalls für die Ausstellung in der Weserburg entstanden. Sie besteht aus farbigen Schleifen, die in zwei Reihen eine Wand bedecken. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Studios der Künstlerin haben Parolen dafür zusammengetragen, Besucherinnen und Besucher der Ausstellung dürfen sie mitnehmen. So konnte man bereits bei der Eröffnungsfeier zahlreiche Personen sehen, die Schärpen mit Parolen wie „Kein Asyl für Nazis“ oder „Seenotrettung ist kein Verbrechen“ trugen.

Zu Andrea Bowers Arbeitsweise gehört, dass sie den Protestgeschichten nachforscht und ihre Aktivistinnen und Aktivisten befragt. Am Eingang zur Ausstellung ist eine blickdichte Stoffwand gespannt, bestickt mit einer Art Spinnennetzmuster, „Defense of Necissity“ von 2003. Der Titel dreht einen juristischen Begriff zurecht, macht aus der Notwendigkeit der Verteidigung die Verteidigung einer Notwendigkeit. Bowers ruft mit dieser vergleichsweise abstrakten Arbeit dazu auf, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und für sie einzustehen.

Eine vollkommen andere Strategie verfolgt Andrea Bowers derweil in ihrer Videoinstallation „Vows“ von 2006. Auf zwei schmalen, von der Decke hängenden Gazestreifen sieht man das projizierte Bild zweier Frauen in weißem Brautkleid, die sich Zitate der Anarchistin Emma Goldman zuwerfen, in denen sie die Ehe als patriarchale Institution brandmarken. Bowers formuliert die Kritik, die sie sich von der Theoretikerin und Aktivistin Goldman aneignet, nicht von einem äußeren Standpunkt aus, sondern legt sie Figuren in den Mund, die man „involviert“ nennen möchte. Zur Trauung wird es wohl danach nicht mehr kommen.

Andrea Bowers: Light and Gravity.

Weserburg – Museum für moderne Kunst,
Teeehof 20, Bremen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 9. Februar 2020.




Weserburg – Museum für moderne Kunst, Bremen