27/02/09

Logbuch der Szene

Das aktuelle Jahrbuch der Zürcher Hochschule der Künste widmet sich der Medienkunst.

von Dietrich Roeschmann
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Das aktuelle Jahrbuch der Zürcher Hochschule der Künste widmet sich der Medienkunst.


Manchmal lassen sich auch in der Wissenschaft Hype und Fortschritt nicht sauber voneinander trennen. Vor allem dann nicht, wenn sich beides gegenseitig bedingt. Davon erzählt unter anderem das aktuelle Jahrbuch der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK, ehemals HGKZ), das anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Studienbereichs Neue Medien erschien.

Als der Studiengang 1998 mit dem Schwerpunkt Computer und Netzwerke gegründet wurde, hatte das Internet gerade einen seiner turbulenten Kindergeburtstage hinter sich – ein hyperaktives Früchtchen von fünf Jahren: kreativ, chaotisch und unkonzentriert, aber zugleich mit Erwartungen überfrachtet, umsorgt, gehegt und gefördert. Das stolze Strahlen der Börse und der Medien hatte etwas von dem typischen Grössenwahn, mit dem sich Eltern ihren Nachwuchs als künftige Klaviervirtuosen oder Staranwälte fantasieren. Die wenigen Spielverderber dagegen kamen damals aus der Hacker- und der Kunstszene. Der blinden Euphorie des zukunftsfröhlichen Mainstreams setzten sie eine an der neuen Technologie geschulte Kritik entgegen, die die historischen Bedingungen des IT-Booms und seine Folgen für die mediale Wahrnehmung und Gestaltung unserer Welt reflektierte. Die „Documenta X“ von 1997 wurde ihr größter Erfolg: Direktorin Catherine David widmete den digitalen Künsten erstmals einen eigenen Bereich in Kassel.

Damit – spätestens aber mit der Krise der Internetökonomie – begann ein neues Kapitel in der Geschichte der Medienkunst: Sie wurde in der Öffentlichkeit wahrgenommen: Weil sie aus der Nutzung von Medientechnologien heraus radikal neue Modelle für das Verständnis und die Gefahren der rasanten Entwicklung der Informationsgesellschaft entwickelte. So gesehen lässt sich die Lancierung des Studiengangs Neue Medien an der HGKZ durchaus als Reaktion auf die Internet-Euphorie der 90er Jahre verstehen. Nicht zufällig fand sie zeitgleich mit dem bemerkenswerten Gründerboom der großen Medienkunstinstitutionen statt (ZKM Karlsruhe, MECAD Barcelona, C3 Budapest, ICC Tokyo etc.). Denn hier wie dort ging es neben der kritischen Reflexion medialer Technologien immer auch und vor allem um die experimentelle Erweiterung künstlerischer Praxis durch Netzwerke, Prozesshaftigkeit, kollektive Autorenschaft oder gegen den Strich gebürstete IT-Anwendungen.

Bis heute haben an der HGKZ / ZHdK rund 130 Studierende ihren Abschluss in Medienkunst gemacht. Dreizehn von ihnen stellt das opulente Jahrbuch der Hochschule nun ausführlich vor. Es liest sich wie ein Logbuch der Schweizer Szene. Neben Text-, Foto- und DVD-Film-Porträts preisgekrönter Arbeiten wie Marc Lees Nachrichtenmaschine „Breaking The News“, Valentina Vuksics „Harddisko“, „Opera Calling“ der !Mediengruppe Bitnik oder FOKs „Teleklettergarten“ führen die Medienwissenschaftler Inke Arns und Andreas Broeckmann in zwei klugen, kurzweiligen Essays in die Geschichte und die – internationale – Gegenwart des Schweizer Medienkunstschaffens ein.

http://vmk.zhdk.ch, Studienvertiefung Mediale Künste

Mediale Kunst Zürich: 13 Positionen
hrsg. von der ZHdK, mit zwei Essays von Inke Arns und Andreas Broeckmann, Scheidegger & Spiess 2008, 304 S., 1 DVD, 30,00 Euro | 48.00 Franken