10/04/12

Rohes und Gekochtes

Fotobände, Künstlerbücher und ein Architekturführer. Neues aus den Bücherregalen.

von red.

Fotobände, Künstlerbücher und ein Architekturführer. Neues aus den Bücherregalen.

Rohes und Gekochtes


Peter Bialobrzeski, The Raw and the Cooked, 160 S., Hatje Cantz 2011, 68 Euro, 88 CHF
Zwischen dem Rohen und dem Gekochten gibt es viele Aggregatzustände. Peter Bialobrzeski kennt fast alle. Seit seinem Fotoband „Neontiger“, für den er 2003 mit dem World Press Award ausgezeichnet wurde, gilt er als Experte für den rasanten Aufstieg Südostasiens. Sein Folgeband „The Row and the Cooked“ gibt nun ein Panorama dieses Wandels wieder. Seine Aufnahmen beschwören die viel zitierte Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Bialobrzeski hat Altbauten aufgenommen, die im Abbruchschutt zu versinken scheinen (die Einrichtung des Nebenhauses lehnt noch an der Wand) und die im Schatten neuer Parkhäuser liegen, Blumenläden neben Baracken. Über allem thronen die Hochhäuser des wirtschaftlichen Aufschwungs. Es liegt eine ungeheure Dynamik in diesen Fotografien, die Bialobrzeski mit analoger Großbildkamera und meist langen Belichtungszeiten macht. Kabelbünde, die sich durchs Bild ziehen und die Lichtbewegungen der Autos unterstreichen dies. Es ist eine Dynamik, die über die Menschen hinweggeht und sie dazu bringt, immer wieder kleinteilige Ordnungen zu schaffen und den Platz, den man ihnen zusteht, so effektiv wie möglich zu nutzen. Auch sie sind Teil des Gestaltungswillen, der hier im Gang ist.


Markus Schinwald, Verlag für moderne Kunst, 2011, 143 S., 30 Euro, 45,90 CHF
Der Katalog zu Markus Schinwalds Ausstellungen im Kunstverein Hannover und dem Lentos Kunstmuseum Linz illustriert nicht, er sucht nach der dem Werk angemessenen Ästhetik. Und diese macht weder vor dem Layout der Texte noch bei der Fadenheftung Halt, mitten im Buch findet sich sogar ein gefakter Fingerabdruck. Die Publikation ist eine gelungene Annäherung von Künstlerbuch und Werkdokumentation, die die Neugierde auf das Oeuvre des österreichischen Künstlers mit all seinen grotesken Seiten und Mikroerzählungen weckt.
Annette Hoffmann


Franz Burkhardt, Meuschemen, Salon Verlag, 2012, 130 S., 25 Euro, 34 CHF
Franz Burckhardt entkommt keine Sensation des Boulevards. Er zeichnet brennende Schiffe, Autounfälle, Explosionen – und immer wieder Frauen, die posieren, als seien sie fürs Familienalbum in die Rolle von Pin-Ups aus den Fünfzigern geschlüpft. „Formerinnerungsvermögen“ nennt er das. Überzeugt davon, dass sich Bilder immer auf andere Bilder beziehen, entwirft er in seinem Künstlerbuch eine Ikonologie der Trashkultur, die aus der Überblendung medialer und privater Wahrnehmungsmuster die schönsten Funken schlägt.


Aylin Langreuter, 1861|2011 |2081, Jovis Verlag, 2012, 62 S., ca 28 Euro, 38 CHF
In diesem Band der Künstlerin Aylin Langreuter versteckt sich zwischen wunderbar surrealen Überarbeitungen alter Stahlstiche von Gustav Doré die Fortsetzung des assoziativen History-Projekts „80*81“, mit dem Georg Diez und Christopher Roth seit 2010 über die Ursprünge aktueller Krisen in den politischen und kulturellen Brüchen zu Beginn der Achtziger nachdenken. Hier schlagen sie nun die Brücke von der Romantik zur Occupy-Bewegung, geführt vom Streulicht der Neonschriften, die Langreuters großartige Gothic-Fakes illuminieren.
Dietrich Roeschmann


Amber Sayah (Hrsg.), Architekturstadt Stuttgart. Bauten - Debatten – Visionen, Belser Verlag Stuttgart, April 2012, 160 S., 29,95 €, 42.50 CHF
Bauen hat in Stuttgart so etwas wie ein Geschmäckle. Denn wer dächte hier nicht sofort an Stuttgart 21? Der Band „Architekturstadt Stuttgart“, der von der Kulturredakteurin und Architekturkritikerin Amber Sayah herausgegeben ist, sucht eine tiefer gehende Diskussion. Er vereint kurzweilig geschriebene, meinungsstarke Porträts konkreter Neubauten der letzten Jahre mit Stadterkundungen, Debatten über Städtebau und architektonische Visionen. Eine Auseinandersetzung, die auch durch den Bau des Kopfbahnhofs nicht obsolet wird.


Timm Rautert, No Photographing, Steidl 2011, 156 S., 38 Euro, 59 CHF
No photographing, no camera. Welch ein Affront für einen angehenden Fotografen. In den 1970er Jahren verbrachte Timm Rautert einige Zeit bei den Hutterern und den Amish in den USA, die nicht eben für ihre Bilderfreundlichkeit bekannt sind. Die Leica kam dennoch zum Einsatz, der Schwarzweißfilm in Pennsylvania bei den Amish, der Farbfilm bei den Hutterern am Rande der Rocky Mountains. Posen sucht man in diesem beeindruckenden Band vergebens. Man hat Rautert gewähren lassen ‒ mehr nicht, aber auch nicht weniger. Der Betrachter wird zum Beobachter und schaut zu, wie die Mädchen sich die Haare flechten, wie in den Gemeinschaftssälen zu Abend gegessen wird, wie die Feldarbeit erledigt wird. Es ist ein Leben, in dem sich das Individuum ganz der Gemeinschaft unterordnet. Das geht nicht ohne Disziplinierungen. Wie selbstverständlich verprügelt der Lehrer die Schüler, die Kinder lernen Sütterlinschrift und am Ende schrubben die Mädchen den Boden. Doch in Rauterts Fotografien drückt sich nicht allein die Kargheit dieses Lebens aus, die sozialen Normen erweisen sich als sichtbarer Kitt einer Gemeinschaft, die sich von der Moderne abgesondert hat. Auch das kann seine ganz eigene Schönheit haben. Diese Aufnahmen, so Rautert, haben seine gesamte spätere Arbeit beeinflusst.
Annette Hoffmann

Hatje Cantz

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