08/10/19

Abgüsse des Verdrängten

Die US-amerikanische Künstlerin Kaari Upson erkundet in Basel das Potenzial von Kopie und Rollentausch für die Konstruktion des Selbst

von Dietrich Roeschmann

kaariupson.jpgKaari Upson, Mother’s Legs, 2018–2019, Installationsansicht, Kunsthalle Basel, 2019, Fotos: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Wie ein Hindernisparcours im Wald hängen in der Kunsthalle Basel gut zwei Dutzend Baumstämme von der Decke. Das legen zumindest Termitenspuren nahe. Doch anderes spricht dagegen. Allein schon das wunde Rosa der vermeintlichen Hölzer und die hämatomartig in Grün, Blau oder Schwarz changierenden Schattierungen ihrer Oberflächen lassen eher an abgehackte Glieder

denken, denn an frisch geschlagene Bäume. Und sieht das nicht aus wie Kniegelenke, die einem da Stamm für Stamm in Augenhöhe entgegen baumeln? Richtig. Es sind Abgüsse der Knie der Mutter von Kaari Upson (*1972) und ihrer eigenen, sorgsam in die zahlreichen Epoxidharzkopien des Stammes einer Kiefer modelliert, die bis vor Kurzem vor dem Elternhaus der kalifornischen Künstlerin in einem Vorort von San Bernardino stand. In Basel arragiert Upson diese Hybride nun zum gruseligen Prolog ihrer Ausstellung „Go Back the Way You Came”, die tief in die Geschichte und die Traumata ihrer eigenen Kindheit führt.

In den vergangenen Jahren hat die US-Amerikanerin auf dieser Reise zurück ein geradezu obsessives Verhältnis zu den Oberflächen der Umgebung entwickelt, in der sie aufwuchs. Es ist, als würden die Wände des Kinderzimmers, die Kacheln im elterlichen Bad oder die Borken der Bäume im längst verwilderten Garten noch all die Erinnerungen speichern, die ihr auf dem Weg in die Gegenwart durch zu große, zu laute, bedrohliche oder betäubende Erlebnisse abhanden gekommen sind. Upson arbeitet daran, das Verschüttete in Kopien dieser Dinge und ihrer Resonanzflächen zu materiallisieren und das Wissen, das sie bergen, auf diese Weise zugänglich zu machen. Im großen Oberlichtsaal im Erdgeschoss hat sie dafür monumentale Abgüsse von Architekturfragmenten und Rindenstücken gefällter Bäume zu einem Trümmerfeld aus Erinnerungsfetzen zusammengeschoben. Und immer wieder taucht dazwischen die Mutter auf. Mal sind es Abgüsse ihres verstümmelten Fußes, den die Tochter als Keile nutzt, um ihre Skulpturen abzustützen, mal sind es grellbunte Tablettendosen, groß wie Sitzmöbel, die den Weg durch die Räume versperren. In einem Durchgangsraum präsentiert Upson mit „O. Snag” (2018-2019) mehrere Porträtbüsten, die sie von sich, ihrer Mutter und Großmutter sowie von einer Freundin und deren Mutter und Großmutter aus der Erinnerung modellierte, einscannte und am Rechner ineinander morphte, um sie dann per 3-D-Printer auszudrucken und zu bemalen. Unwirklich hängt ihnen ein fernes Lächeln im Gesicht. Ihr verschwommener Blick aus den Liebes- und Konfliktzonen zwischen den Generationen wirkt wie nicht von dieser Welt und lässt sich dennoch als überindividueller Ausdruck der Verfestigung familiärer Abhängigkeiten entziffern. Mit „O. Snag”, könnte man sagen, gibt Kaari Upson der Summe der Mütter-Töchter-Beziehungen in ihrer Familie ein Gesicht. Das ist so beklemmend wie berührend. Dass die Oberflächen dieser Büsten wiederum die Maserung von Holz imitieren und somit auch hier Körper und Baum in einem endlosen Loop sich gegenseitig überschreibender Erinnerungen gefangen scheinen, ist ein zentrales Motiv der Schau. In ihren Videos schlüpft Upson wie in Trance in unterschiedliche Rollen, ist mal ihre Mutter, dann ihre Freundin, mit der sie blind durch ihre einstiges Kinderzimmer tastet. In „Night Splitter” (2019) schließlich irrt sie als Double ihrer selbst durch den nächtlichen Garten des Elternhauses, in dem ihr Bruder unter Flutlicht und mit schwerem Gerät gerade den Baum ihrer Kindheit zerlegt. Es ist wie die Szene aus einem Albtraum, der zwar keinen Sinn ergibt, sich zugleich aber aus derart intimem Wissen speist, dass er dennoch so etwas wie ein Zuhause repräsentiert. Vor dem Screen liegen zwei dicke, rindenlose Äste des gefällten Baumes auf einem Podest – es könnten auch die Beine der Mutter sein, deren Körper Ausgangspunkt und Ziel dieser von Upson so klug und packend inszenierten Such- und Selbstfindungsbewegung des „Go Back the Way You Came” ist.         

 

Kaari Upson: Go Back the Way You Came.
Kunsthalle Basel
Steinenberg 7, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.30 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 10. November 2019.

 

 





Kunsthalle Basel