18/10/19

Code oder Leben

Die Ausstellung „Sag Schibbolet!“ im Jüdischen Museum München erzählt von Formen der Ausgrenzung

von Roberta De Righi

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Fiamma Montezemolo, Traces, 2012, Filmstill, Courtesy the artist, © Fiamma Montezemolo
„Sag Schibbolet!“ – oder du bist tot. In der alttestamentarischen Geschichte von der Flucht der Efraimiter über den Jordan diente der hebräische Begriff „Schibbolet“, der „Kornähre“, aber auch „Wasserlauf, Strudel“ bedeutet, als Codewort. Die Sprache als Erkennungsmerkmal entschied hier über Tod oder Leben – quasi als eine maximal verschärfte Variante des bayerischen „Oachkatzlschwoaf“: Die Gileaditer töteten etwa 42.000 Efraimiter, weil sie ihre Herkunft verrieten, indem sie das Wort „Sibbolet“ aussprachen.

Unter dem Titel „Sag Schibbolet!“ präsentiert das Jüdische Museum in München jetzt eine in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Hohenems entstandene Ausstellung, die sich in sechs Kapiteln „mit sichtbaren und unsichtbaren Grenzen“ auseinandersetzt. Kurator Boaz Levin lud dazu 14 internationale Künstlerinnen und Künstler ein, deren durchwegs subtile Arbeiten den Themenkreis Ausschluss, Zugehörigkeit und Fremdheit aufgreifen und in die Gegenwart holen. Darin untersuchen etwa Caroline Bergvall und Lawrence Abu Hamdan Sprache als Mittel der Ausgrenzung genauer. Bergvall bezieht sich in ihrer Audio-Installation „Say Paysley“ auf das so genannte „Petersilien-Massaker“ von 1937 auf Hispaniola, bei dem die Aussprache des spanischen Wortes für Petersilie zur Überlebensfrage wurde: Zehntausende haitianische Kreolen wurden umgebracht, weil sie es nicht mit rollendem „R“ sprachen.

Lawrence Abu Hamdan, der auch für das Recherche-Team „Forensic architecture“ arbeitet und heuer für den Turner Prize nominiert ist, verbildlicht in „Conflicted Phonemes“ Sprachanalysen, anhand derer in den Niederlanden Asylsuchende abgelehnt wurden. Eine großformatige Grafik zeigt am Beispiel somalischer Migranten die komplexen Beziehungen zwischen Geburtstort, Sprache und der Tatsache auf, inwieweit die prekären Lebensbedingungen der Flucht diese beeinflussen. Abu Hamdan entwickelte eine hochdifferenzierte Untersuchung, die letztlich die Aussagekraft derartiger Tests infrage stellt. Das Prinzip der Ausgrenzung durch biometrische Datenerfassung wiederum treibt Zach Blas auf die Spitze. Er sammelte in den USA die Gesichtsdaten u.a. von männlichen Homosexuellen, Afroamerikanern und muslimischen Frauen, die für die Gesichtserkennung ihr Kopftuch abnehmen mussten, und ließ daraus kollektive Masken modellieren – die in der Überlagerung völlig amorphe Gebilde ergeben und die Biometrie ad absurdum führen.

Auch die Frage „Europa – Union oder Festung?“ steht über einigen Beiträgen, etwa den Fotografien der „Frontex Series“ von Leon Kahane, für die er die Warschauer Zentrale der europäischen Grenz- und Küstenwache Frontex aufnahm. Und Pinar Ögrenci lässt in dem Video „A Gentle Breeze Passed Over Us“ den irakischen Musiker Ahmed Shaqaqi von seiner Flucht im Boot übers Mittelmeer berichten, bei der er vor der Wahl stand, sein Leben oder sein Instrument, eine Oud, zu retten. Umstrittene und umkämpfte territoriale Grenzen werden ebenfalls thematisiert: So porträtiert Fiamma Montezemolo in ihrem Video „Traces“ die auch ohne Trumps Mauerbau schon monströsen Grenzanlagen zwischen den USA und Mexiko. Fazal Sheikh wiederum hält mit „Desert Bloom“ in zwölf Luftaufnahmen die „brutalen Auswirkungen der israelischen Siedlungspolitik“ in der Wüste Negev fest: Sie dokumentieren die Errichtung eines Grüngürtels um die Stadt Be’er Scheva. Die nur scheinbar natürliche Grünzone entstand allerdings in einem Akt der Willkür, für den die seit Generationen in der Wüste ansässigen Beduinen zwangsumgesiedelt wurden.

„Sprechende Grenzsteine“ schließlich schlagen in der Ausstellung „Sag Schibbolet“ den thematischen Bogen zurück zur lokalen NS-Vergangenheit: Hier werden Fluchtgeschichten von Münchnern aus den Jahren 1933 bis 1945 nacherzählt.             

 

Sag Schibbolet! Von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen.
Jüdisches Museum München
St.-Jakobs-Platz 16, München.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 23. Februar 2020.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen:Bucher Verlag, Hohenems 2019, 244 S., 29,80 Euro | ca. 35.80 Franken.

 

 





Jüdisches Museum München