23/09/19

Verschiebungen sichtbar machen

Die 19. Architekturtage Oberrhein widmen sich den vielfältigen Aspekten des Übergangs

von Dietrich Roeschmann

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Cyrille Weiner, Le phare, aus der Serie „Notre Dame des Landes”, 2016, © Cyrille Weiner
Für Anupama Kundoo steht fest: „Wir können es uns nicht leisten, weiter so zu bauen wie bisher”. Die 1967 im indischen Pune geborene Architektin, die in Mumbai und Berlin studierte, forscht seit Anfang der 1990er Jahre zu alternativen Formen des urbanen Zusammenlebens. Ihre Projekte, die sie in der südindischen Stadt Auroville, einem Zukunftslabor des Städtebaus, realisierte, machten sie international bekannt. Kundoo entwickelte hier nachhaltige Konzepte einer Architektur, die es den Menschen durch Bildung und Ausbildung ermöglichen sollten, selbstständig Wohnungen zu bauen und so „das Wohnen wieder erschwinglich zu machen”. Welche Antworten eine ökologisch und sozial verantwortungsvolle Architektur auf gegenwärtige Herausforderungen wie Migration, Klimawandel, Landflucht, Urbanisierung oder soziale Segregation geben kann, wird die indische Architektin zum Start der 19. Architekturtage Oberrhein in ihrem Eröffnungsvortrag in der ehemaligen Ziegelfabrik La Briqueterie Schiltigheim bei Strasbourg umreißen (27.9.). Den Zusammenhang von  Architektur, Natur und Nachhaltigkeit diskutieren mit Kengo Kuma (11.10., Zenith Strasbourg) und Edouardo Souto de Moura (31.10., Oberrheinhalle Offenburg) auch zwei weitere prominente Gäste des Festivals, das diesmal unter dem Thema „Übergänge / Transitions” steht.

 

Das diesjährige Motto ist naheliegend für eine Veranstaltung, die zeitgleich in drei Ländern stattfindet und eine rege Bewegung über die Grenzen motiviert. Immerhin kamen 2018 mehr als 40.000 Besucher zu den rund 200 Veranstaltungen, in Frankreich sind die Architekturtage mittlerweile das größte Festival seiner Art. Das umfangreiche Programm interpretiert den Übergang und die Überwindung von Grenzen auf denkbar vielfältige Weise. Es kreist um architekturbezogene Fragen des Transitorischen, um Verbindungen von Innen und Außen, privatem und öffentlichem Raum, Stadt und Land, Natur und Kultur, Licht und Schatten, Alt und Neu. Den Übergang zwischen Erde und Himmel etwa erkunden zwei Führungen zum Basler Roche-Turm von Herzog & de Meuron (19. und 26.10.), dem mit 178 Meter höchsten Gebäude der Schweiz. Eine Drachenboot-Tour durch die künftigen Hafenquartiere von Strasbourg (12. und 19.10.) wird den Wandel vom Warenumschlagplatz zum Wohnraum in den Fokus rücken, in Freiburg flimmern im Stadtteil Stühlinger Architekturfilme an den Hauswänden (2.10.) und in Baden-Baden gibt eine Villentour durch die Luxusquartiere am Beutig und am Annaberg (19.10.) Einblick in das zeitgenössische Bauen im historischen Umfeld. Im La Chambre in Strasbourg ist bereits seit Mitte September eine lohnende Ausstelllung mit Arbeiten der Nominierten für den zweijährlich verliehenen Archifoto Award (bis 13.10.) zu sehen. Großartig: die spektakuläre Serie des diesjährigen Gewinners Cyrille Weiner über die von Flughafenbesetzern erbaute temporäre Barrikaden- und Brettersiedlung „Zone d'Aménagement Différée” im westfranzösischen Notre Dames des Landes.     

 

Journées de l’architecture Haut-Rhin /Architekturtage Oberrhein.
27. September bis 31. Oktober 2019.

 

 

 




Architekturtage Oberrhein