17/10/19

Planet mit blinden Flecken

„Abschied vom Außen. Eine Suchbewegung nach dem Terrestrischen“ im Kunstverein Freiburg

von Annette Hoffmann

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Daniel Fetzner, Gletscher, 2019
Man muss sich Gaia wohl als eine eifersüchtige Göttin vorstellen. Im Kunstverein Freiburg kann man derzeit auf einer „Suchbewegung nach dem Terrestrischen“ „Abschied vom Außen“ nehmen. Erde liegt aus, es gibt „Gaiagrafien“,  Pflanzen wachsen in einer Art Urhütte, dort beschwört auch ein Gedicht von Samuel Taylor Coleridge aus dem Jahr 1798 die Utopie einer Harmonie zwischen Mensch und Natur, von einem Paradies als Garten bis eine Frau aus Trauer um ihren Dämon-Geliebten die Erde zum Bersten bringt. Es liest sich wie die Beschreibung eines Vulkanausbruchs, der in dieser Ausstellung an anderer Stelle noch eine Rolle spielen wird. Abwesenheiten haben in der Mythologie immer schon Unheil hervorgerufen. Etwa den Winter, weil Demeter – noch so eine Erdgöttin – um ihre von Pluto geraubte Tochter Proserpina weint und die Pflanzen während deren Abwesenheit verkümmern lässt. Es ist nicht so, dass die Erde mythologisch gesehen keine anderen Göttinnen oder eben Frauen neben sich duldete.

Vielleicht ist es also schlicht die Ausbildung eines Gegengewichts, wenn sich im Kunstverein Freiburg jetzt ein rein männliches Leitungsteam um das Terrestrische kümmert (Daniel Fetzner, Martin Dornberg, Ephraim Wegner, Wolfgang Klüppel, Jürgen Reuß und Adrian Schwartz). In einem Text des Ausstellungsmagazins werden Robert Smithson, Michael Snow, Joseph Beuys und Michel Serres als „Quadrupel-Referenz“ genannt. Warum nicht die Landart-Künstlerin Ana Mendieta? Aus Furcht vor dem Esoterischen? Das Video von „Nile Vodoo“ will auch nicht gerade sehr rational erscheinen, in der Performance zitiert ein Vodoo-Priester mit halber Totenkopfmaske im Boot auf dem Nil Coleridges Gedicht und springt im Anschluss in den Fluss, Daniel Fetzner folgt. Der Künstler als Priester ist eine Idee, die in der der Tradition verpflichteten Lyrik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts weit verbreitet war. Die künstlerische Forschung, die wesentliche Methode dieser interdisziplinären Ausstellung ist, ergründet jedenfalls nicht die blinden Flecken dieses Projekts. Die Aktion „Critical Water Zone. Müllstadt und Schwemmland Cairo“ nimmt einerseits auf die Bedeutung des Nils Bezug, dessen Überschwemmungen Land schufen, andererseits auf das System der Mülltrennung in Kairo, das überwiegend von Kopten geleistet wird.

„Abschied vom Außen“ ist der Gegenentwurf zur Ausstellung „Immortalismus“, die 2017 im Kunstverein Freiburg zu sehen war. Die Beschäftigung mit der Erde, die Absage an eine von der Ökonomie geprägte Globalisierung ist wiederum ernst zu nehmen. Es gibt keine Fluchtbewegung ins All. Das Projekt „Abschied vom Außen“ ist dem Selbstverständnis nach ein Netzwerk und ein sozialer Ort mit einer ganzen Wundertüte von Veranstaltungen. Im konkreten Ausstellungsraum wirkt sich dies so aus, dass die einzelnen Objekte und Zonen hierarchiefrei präsentiert werden. Unabhängig davon, wo man einsteigt, man hat einen Faden des Netzes in der Hand. Die Nachbildung des Meteors, der 1492 bei Ensisheim einschlug, führt zur Darstellung eines Vulkanausbruchs in Athanasius Kirchners „Mundus subterraneus“ aus dem Jahr 1664, die durch eine eigentümliche Mischung aus Naturforschung und Poesie geprägt ist. Das alles miteinander verbunden ist, hat auch damit zu tun, dass viele vorherige Projekte von Daniel Fetzner und Martin Dornberg in Ägypten und Indien in die Ausstellung geflossen sind. Es stimmt, es gibt keinen Planet B, aber eine Perspektivverschiebung hätte noch andere Räume erschlossen.

Abschied vom Außen.
Kunstverein Freiburg
Dreisamstr. 21, Freiburg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr, Mittwoch 12 bis 20 Uhr.
Bis 27. Oktober 2019.

 




Kunstverein Freiburg