08/10/12

Abenteuer Wirklichkeit

Neuerscheinungen zeigen die ganze Bandbreite der Fotografie zwischen historischen Bezügen, Dokumentarismus und Malerei.

von red.

Neuerscheinungen zeigen die ganze Bandbreite der Fotografie zwischen historischen Bezügen, Dokumentarismus und Malerei.

Abenteuer Wirklichkeit


Malerei in der Fotografie, Kehrer Verlag, Heidelberg 2012, 160 S., 40 Euro | 56 Franken
Was haben Fotokünstler wie Jeff Wall, Thomas Ruff, Hiroshi Sugimoto oder Annette Kelm gemeinsam? Sie setzen sich in ihren Arbeiten mit dem Medium Malerei auseinander. Die Fotografie reflektiert, imitiert und appropriiert die Malerei. Das Spektrum reicht von direkten Bezügen – etwa Jeff Walls Paraphrase zu Manets berühmtem Bild der Bar in den Folies-Bergére – über die Aufnahme und Weiterentwicklung von bestimmten Motiven bis hin zu abstrakten Kompositionen. Der gerne bemühte Gegensatz zwischen Fotografie und abstrakter Malerei wird dabei schnell widerlegt. Ein Fazit? Die Malerei bietet nach wie vor genügend Reibungspunkte, an denen sich die Fotografen abarbeiten können.
Florian Weiland


Gauri Gill: Balika Mela, Edition Patrick Frey, Zürich 2012, 177 S., 54 Euro | 69 Franken
Auf den Gesichtern der Mädchen von Lunkaransar regt sich kein Lächeln – doch ihre Augen, die die Kamera der indischen Fotografin Gauri Gill (*1970) fixieren, funkeln nur so vor Neugier, Stolz und einem spielerischem Hang zur Selbstdarstellung. 2003 reiste Gill erstmals in die kleine Wüstenstadt nahe der Grenze zu Pakistan, baute ihr Zelt auf, in dem sie ein provisorisches Fotostudio einrichtete, und wartete. Hunderte von Teenagern waren damals aus den umliegenden Dörfern in die Stadt gekommen, um an der jährlichen „Balika Mela“, einem Fest für Mädchen, teilzunehmen. Bei Gill durften sie sich porträtieren lassen – in Schwarz-weiß, mit Freundinnen oder Dingen, die ihnen wichtig waren. 2010 kehrte Gill noch einmal zurück, zeigte die Porträts ihres ersten Besuchs und fotografierte erneut, diesmal in Farbe. Ein schöner Bildband vereint beide Serien nun zu einer intimen Studie über das Abenteuer jugendlicher Selbstermächtigung zwischen der Realität eines kargen Alltagslebens und dem Traum von Unabhängigkeit.
Dietrich Roeschmann


Guadalupe Ruiz: Bogotá, D.C., Scheidegger & Spiess, Zürich 2012, 152 S., 38 Euro | 42 Franken
Der Graben, die Kluft, die Schere, der Riss: Griffige Metaphern zur Beschreibung sozialer Ungerechtigkeit gibt es reichlich. Die meisten haben den Gegensatz im Blick, die wenigsten den Übergang. Eine erfrischend subtile Sicht auf das Verhältnis von Armut und Reichtum bietet da die in Zürich lebende Fotografin Guadalupe Ruiz in ihrem Bildband „Bogotá, D.C.“ Für ihre Recherche in der kolumbianischen Metropole fotografierte die 34-Jährige Dutzende menschenleerer Privatinterieurs in Wellblechütten, Villen und Vorstadtapartments und sortierte ihre intimen Einblicke nach den Steuerklassen ihrer Bewohner. Daraus ist nun ein vielschichtiger Fotoessay entstanden, der nicht nur das soziale Gefälle in Ruiz’ Geburtsstadt dokumentiert, sondern auch die überraschenden kulturellen Gemeinsam-keiten zwischen Arm und Reich. Eine Soloschau mit Arbeiten der Künstlerin ist ab Mitte Oktober im Centre Pasquart in Biel zu sehen.
Dietrich Roeschmann


Peter Fischli / David Weiss: 800 Views of Airports, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2012, 408 S., 58 Euro | 78 Franken
Die Tristesse, die das Schweizer Künstlerduo Peter Fischli und David Weiss ab 1987 in ihrer Serie „Airports“ einfingen, ist überwältigend: Leere Rollfelder, verregnete Terminals, Flugzeuge in Warteposition vor bleigrauen Himmeln. Spätestens seit dieser Studie über den Stillstand wissen wir: Die Bodenstationen unseres Fernwehs sind Unorte, immer und überall. Ein Künstlerbuch ohne Worte versammelt jetzt alle 800 Fotografien ihres Langzeitprojekts, das mit David Weiss’ Tod im vergangenen April ein jähes Ende fand. Ein großartiger, trauriger, schöner Band.
Dietrich Roeschmann


Walker Evans: American Photographs, Schirmer/Mosel, München 2012, 206 S., 39,80 Euro | 59 Franken
Der amerikanische Fotograf Walker Evans gehört mit Dorothea Lange zu jenen, die der Großen Depression ein Gesicht gegeben haben. Evans, der sich nie der Bildreportage verpflichtet sah, hat unser Bild vom Amerika der 1930er Jahre entscheidend beeinflusst. Indem er das Leben der ärmlichen Landbevölkerung festhielt, aber auch die eleganten Erscheinungen auf den Straßen New Yorks und die Architektur, die sowohl durch die Rassentrennung, die Industrie und die sozialen Unterschiede geprägt ist. Als die Publikation „American Photographs“ parallel zu Walker Evans‘ Ausstellung im Museum of Modern Art in New York erschien, ging es noch um die Anerkennung der Fotografie als Kunst. Nun hat der Verlag Schirmer/Mosel das Buch, das Fotografiegeschichte geschrieben hat, so originalgetreu wie möglich, wieder aufgelegt: zum Wiederentdecken schön.
Annette Hoffmann


Ryan McGinley: Whistle in the Wind, Schirmer/Mosel, München 2012, 239 S., 49,80 Euro | 69 Franken
Ryan McGinley war schon immer ein Meister der Augenwischer. Aber nichts ist schöner, als seinen Bildern zu glauben. Seit zehn Jahren greift der New Yorker Fotograf zur Kamera, wenn Jugendliche angeblich das tun, was sie am besten können: jung sein. Unschuldig, ausgelassen und meistens nackt tollen sie dann durch amerikanische Landschaften, wälzen sich im Wüstensand, haben Sex unter der Dusche, klettern in bizarren Höhlenformationen und auf schwankenden Baumkronen herum – und jede Schramme, die sie sich dabei holen, ziert ihre tätowierten Körper wie ein Symbol des unstillbaren Hungers nach Freiheit, der sie umtreibt. „Pseudo-Dokumentationen“ nennet McGinley diese inszenierten Schnappschüsse, die er nun in dem Bildband „Whistle in the Wind“ versammelt. Der eigentümliche Reiz dieser Fotografien gründet in einem Paradox. So ist es ausgerechnet ihre Künstlichkeit, in der sich eine durch un durch authentische Abenteuerlust des Fotografen spiegelt, dessen Spagat zwischen Werbeästhetik, Hippie-Kitsch und dem Doku-Realimsus von Vorbildern wie Nan Goldin oder Larry Clark mindestens so waghalsig wirkt wie die Sprünge von Felsen seiner Laienmodels. Großartig!
Dietrich Roeschmann

Kehrer Verlag
Edition Parick Frey
Scheidegger & Spiess
Buchhandlung Walther König
Schirmer/Mosel