17/09/19

Bühne frei für die großen Gefühle

Das Kunstmuseum Stuttgart präsentiert in einer umfassenden Retrospektive das Werk des isländischen Künstlers Ragnar Kjartansson

von Jolanda Bozzetti

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Ragnar Kjartansson, The Visitors, 2012, Foto: Elísabet Davids, Courtesy the artist, Luhring Augustine, New York & i8 Gallery, Reykjavík, © Ragnar Kjartansson
SCHEIZE. LIEBE. SEHNSUCHT. Dies seien seine „Lieblings Deutsche Wörter“ und bildeten, so der Künstler, den Stoff, aus dem seine Arbeiten bestehen. Ragnar Kjartansson (*1976) sucht die großen Gefühle, sein Thema ist nichts Geringeres als das Drama des menschlichen Lebens. Aufgewachsen in einer Schauspieler-Familie, in der Künstler und Musiker ein- und ausgingen, fand Kjartansson in der Performance seine künstlerische Ausdrucksform. Eine frühe Arbeit, die zugleich das Intro zu seiner aktuellen Einzelausstellung im Kunstmuseum Stuttgart bildet, trägt den Titel „Me and my Mother“: Vier große Video-Screens zeigen den Künstler und seine Mutter wortlos vor der Bücherwand des elterlichen Wohnzimmers. Beide schauen in die Kamera, dann spuckt die Mutter dem Sohn direkt ins Gesicht. Was 2000 begann –  Kjartansson war noch Student an der Kunstakademie Reykjavik – hat sich in fünfjährigem Rhythmus zu einem Langzeitprojekt entwickelt. Mutter und Sohn werden älter, die Handlung bleibt die gleiche. Eine irritierende, sich minutenlang wiederholende Gebärde, die Gewalt und Zuneigung zugleich spiegelt. Eine Arbeit, die in ihrer Absurdität einen Humor erzeugt, der für Kjartansson charakteristisch ist. In der Videoinstallation „God“ (2007) etwa tritt der Künstler als 1950er-Jahre-Crooner in Smoking und gegeltem Haar auf. Gefilmter Bühnen- und realer Ausstellungsraum sind mit pinken Vorhängen ausgekleidet und lassen so die Zuschauer in eine kabaretthafte Kulisse eintreten, in der Kjartansson von einem Jazzorchester begleitet immerzu und aus voller Inbrunst den Refrain „sorrow conquers happiness“ singt. Melancholie begegnet Kjartansson oft mit erfrischender (Selbst-)Ironie.

Neben der Performance, in der zahlreiche Elemente aus Theater, Oper, Film und Musik einfließen, ist Kjartansson auch als Zeichner und Maler aktiv. Doch selbst die Malerei inszeniert er als eine Art Aufführung. Die Bilderserie „Eldhraun“ (2018/19) etwa entstand als Pleinairmalaktion auf dem gleichnamigen isländischen Lavafeld, bei eisigen Temperaturen mitten im Winter. Ein humorvoller Kommentar auf das romantische Künstlerideal, das Kjartansson verkörpert und zugleich unterläuft.

Auch wenn seine Arbeiten eine große Themenvielfalt aufweisen, sind sie nicht narrativ angelegt. Vielmehr zeigen sie einzelne Situationen, als Klischees inszeniert wie etwa in „Scenes from Western Culture“ (2015). Neun verschiedene Videos, die Alltagsszenen wie eine im Pool schwimmende Frau, ein bürgerliches Interieur samt dösendem Hund oder ein im Restaurant dinierendes Paar als gefilmte Gemälde präsentieren, machen deutlich, was Kjartansson als „Klaustrophobie der westlichen Kultur“ bezeichnet. Idealisierte Szenerien eines friedlichen, glücklichen Lebens, die eine tiefere Bedeutungsebene vermissen lassen. Eine sehnsuchtsvolle, melancholisch-romantische Grundstimmung prägt auch „The Visitors“ (2012). Wie viele andere Arbeiten ist diese im Kollektiv mit Freunden und Musikerkollegen entstanden. Auf neun Zimmer einer opulent eingerichteten Villa aus dem 19. Jahrhundert verteilt, musizieren sie auf verschiedenen Instrumenten gemeinsam und doch jeder für sich, wiederholen eine Stunde lang die Zeile „Once again I fall into my feminine ways.“ Als Besucher bewegt man sich zwischen den wandfüllenden Projektionen, als könne man tatsächlich zwischen den einzelnen Räumen und in der traurig-schönen Musik umherwandeln. Bis zum Exzess treibt Kjartansson die Wiederholung in der Arbeit „A Lot of Sorrow“. Dafür ließ er die US-amerikanische Indie-Band „The National“ im New Yorker MoMA PS1 einen einzigen Song wiederholt und ohne Unterbrechung spielen – sechs Stunden lang. In der Ausstellung kann man sich in diesen Sound fallen lassen, vor der lebensgroßen Projektion Musikern wie Publikum zusehen, die sich gegenseitig Energie geben, wenn zum wiederholten Mal derselbe Song neu erklingt. Eine so ins Extreme gedehnte Wiederholung könnte nerven – bei Kjartansson jedoch entwickelt sie einen hypnotischen Sog, der die Zuschauer in ihren Bann zieht.           

 

Ragnar Kjartansson: Scheize – Liebe – Sehnsucht.
Kunstmuseum Stuttgart
Kleiner Schlossplatz 1, Stuttgart.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Freitag 10.00 bis 21.00 Uhr.
Bis 20. Oktober 2019.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Distanz Verlag, Berlin 2019, 180 S., 39,90 Euro | ca. 52.90 Franken.

 

 

 




Kunstmuseum Stuttgart