04/09/19

Mahtola Wittmer

Die Luzerner Künstlerin zeigt das Sonderbare im Alltäglichen in Fotografie, Installation und Performance

von Sandra Hampe

mwittmer.jpgMahtola Wittmer, IMG_4409.jpg, 2017, © Mahtola Wittmer
Wo ist der Punkt, an dem das Normale absurd und das Absurde als Normalität erscheint? Die Künstlerin Mahtola Wittmer, die sich mit Fotografie und Performancekunst befasst, kitzelt genau an dieser Stelle. Sie sucht in ihrer Arbeit nach Momenten, in denen Gewohntes und Alltägliches durchbrochen werden, das Gewöhnliche zum Besonderen oder Sonderbaren wird. In ihren performativen Interventionen, die oft im öffentlichen Raum stattfinden, wird sie selbst zur lebendigen Uhr („20:20”, 2018), scannt eigene Körperpartien, die andernorts ausgedruckt werden („In Pieces Part 1 + Part 2”, 2017/2018), improvisiert eine Stunde allein mit einem weißen Ausstellungssockel („Object & Subject”, 2018) oder sammelt das Luzerner Regenwasser in einem Schirm („L'Eau de Lucerne”, 2019). Insbesondere aber in ihren Fotografien verhandelt sie diese Brüche im Alltag direkt an den Gegenständen und provoziert kleine Wahrnehmungsverschiebungen.

Mahtola Wittmer, 1993 in Luzern geboren und aufgewachsen in einer vielköpfigen Künstlerfamilie, mag das interdisziplinäre Denken und kooperative künstlerische Arbeiten in die Wiege gelegt worden sein. Nach ihrem Diplom als Grafikerin am Fach- und Wirtschaftsmittelschulzentrum Luzern begann sie ihr Studium an der Hochschule Luzern, das sie, nach einem Austauschsemes­ter im vergangenen Jahr an der HfGB Leipzig 2019, mit dem Bachelor in Kunst und Vermittlung abschließen wird.

Wortwörtlich auf der Straße gefunden hat sie ihre Motive für die Serie „raus­stellen” (2018), in der sie, zwischen Street Photography und Sperrmüll-Dokumentation, verwaiste Möbel und Gegenstände auf der Straße portraitiert. Auch in der Postkartenserie „ich sehe was, was Du nicht siehst...” (2017/2019, zusammen mit Till Lauer) interessiert sie die randständige Erscheinung: eine Reiswaffel auf Kieselsteinen oder der Schatten eines konischen Pollers, der auf eine Treppe fällt und dort zackenartig ausbricht. Wittmer spielt in ihren fotografischen Arrangements mit unseren rudimentären Wahrnehmungsinstrumenten zur Systematisierung und Wiedererkennung von Objekten und Bildern: Form, Farbe, Ähnlichkeiten, Kontext. Mit ihren Bildpaaren, die die Künstlerin aus dem eigenen wachsenden Bildarchiv komponiert, verschiebt sie mitunter ganze Kontexte, wenn Tiefkühlspinat im Vergleich genauso aussieht wie Dielenboden-Dämmung (IMG_8190.jpg / IMG_7644.jpg, 2018/2015) oder das Erechtheion in Athen sich anstandslos zu einem Mülleimer gesellt mit dem es formale Ähnlichkeiten aufweist (IMG_0911.jpg / IMG_0910.jpg, 2018).

Wittmer fotografiert mit ihrem mobilen Telefon, das im Alltag immer greifbar ist. Das digitale Bild pflegt nicht unbedingt die Hierarchien der Sichtbarkeit. Das Nebeneinander und die Gleichzeitigkeit der Images im Netz und auf sozialen Medien wie Instagram führt eben zu einer solchen Bildsprache und Ästhetik wie Wittmer sie nutzt und zeigt. Dabei betrachtet sie ihr eigenes technisches Medium durchaus kritisch. Gemeinsam mit Klarissa Flückiger kommentierte sie so dessen gesamtgesellschaftliche Omnipräsenz, indem sie mit der Soundinstallation „zeitzeichen” (2018) anstatt der Glocke der Luzerner Peterskapelle einen Standard-Handy-Klingelton ertönen ließ.   

 

Mahtola Wittmer.
Aargauer Kunsthaus
Aargauerplatz, Aarau.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
1. September bis 27. Oktober 2019.

 

 




Mahtola Wittmer
Aargauer Kunsthaus