28/08/19

Archäologie der Jetztzeit

Der Kunstverein Nürnberg zeigt mit Veit Laurent Kurz und Hélène Fauquet zwei junge Kunstschaffende im Dialog mit dem Raum

von Nora Gantert

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Veit Laurent Kurz, Metaphors and Mutations, Ausstellungsansichten, Kunstverein Nürnberg, 2019, Courtesy the artist, alle Fotos: Rory Witt

Die parallel im Kunstverein Nürnberg gezeigten Einzelausstellungen „Metaphors and Mutations“ von Veit Laurent Kurz (*1985) und „Interiors“ von Hélène Fauquet (*1989) bieten jede auf ihre Weise eine außergewöhnliche ästhetische Erfahrung. Geradezu textil und haptisch zeigen sich die beiden sehr unterschiedlichen Präsentationen, die durch zahlreiche Materialien und verwobene Geschichten eine eigene Welt im Kunstraum erschaffen.

Veit Laurent Kurz arbeitet in verschiedenen Materialien und experimentiert mit neuen Möglichkeiten, komplexe Narrative in seiner künstlerischen Praxis zu erzählen. In seiner Ausstellung im Rahmen des Marianne-Defet-Malerei-Stipendiums verwandelt er den Kunstverein in eine archäologische Ausgrabungsstätte. Die sonst offenen und lichtdurchfluteten Räume hin zum Innenhof sind so nun mit einem grünen Zelt, das bis zum ersten Obergeschoss reicht, abgehängt. Die Architektur, die sonst streng und kühl wirkt, erscheint durch den textilen Eingriff weicher, heimeliger und einladender.

Durch die Zeltöffnung tritt man ein in die vielschichtige Welt von Kurz und sucht wie auf einer historischen Expedition nach Spuren und Hinweisen, um von Raum zu Raum die Bedeutungsebenen der Arbeit freizulegen. Zu sehen sind farbige Zeichnungen, die Kurz auf seinen Reisen nach Pompeji und Hawaii angefertigt hat. Reale Begebenheiten überlagern sich mit fantastischen Traumsequenzen. Beide Orte der Reise stehen stellvertretend für die beiden Pole, zwischen denen die Ausstellung oszilliert: die historische Katastrophe, der Untergang einer Kultur und das irreale, projizierte „Irgendwo“ des Naturparadieses. Im Titel gebenden Video „Metaphors and Mutations“ spricht der Künstler ein selbstgeschriebenes Gedicht, das von Untergang und Bedrohung erzählt und dabei immer wieder auf das aus dem Gleichgewicht geratene Verhältnis von Mensch und Natur zurückkommt. Die darunter liegenden Bilder zeigen Lavaströme, schön und zerstörerisch, neben Bildern vom hawaiianischen Urwald.

Was die Videoarbeit noch abstrakt und intellektuell vorbereitet, wird im nächs­ten Raum zur installativen Geste. Ein Vulkan nimmt die Mitte des Raumes ein, während an den Wänden große von Schlamm und Sand bedeckte Gemälde hängen, die den Eindruck vermitteln, sie seien eben erst aus Untiefen gehoben worden. Diese zeitliche Ambivalenz macht die Faszination der Ausstellung aus. Befinden wir uns in prä- oder schon postapokalyptischer Zeit?

„Interiors“ ist die erste Soloschau der in Wien lebenden französischen Künstlerin Hélène Fauquet. Sie wählte dafür eine neue Werkserie aus, die das Verschwimmen der Grenzen des Innen und Außen zum Thema hat. Zu sehen sind Fotografien von Türen und Fenstern, die mit einem UV-Druckverfahren auf dünne Holzplatten übertragen wurden. Die abgebildeten Fenster und Türen lassen sich formal eindeutig dem Jugendstil oder dem Art déco zuordnen. Wie Schmuckstücke, Diademe oder Colliers brillieren die alten Bleiglasfenster mit schönem Schliff und changierenden Farbtönen. Aus der Nähe jedoch löst sich das Gesehen vor den Augen auf. Was eben noch luxuriöser Sichtschutz war, verschwimmt zu einzelnen Pixeln und das Trägermaterial der einfachen Holzplatte mit Maserungen und Asteinschlüssen tritt deutlich hervor. Dieser Trompe-l’oeil-Effekt wiederholt sich auch auf der Makroebene der Ausstellung, denn die ornamentalen Bleiglasfenster öffnen die Wandflächen und vergrößern den Raum um eine fast mystische Ebene. Beide Räume, in denen Fauquets Arbeiten gezeigt werden, sind mit den großen Fenstern ausgestattet, welche die charakteristische Außenfassade des 1929 erbauten Milchhof-Verwaltungsgebäudes gliedern. So korrespondieren die opulenten Bleiglasfenster Fauquets mit den hohen quadratischen Fenstern der Moderne.   

 

Hélène Fauquet: Interiors.
Veit Laurent Kurz: Metaphors and Mutations.
Kunstverein Nürnberg
Kressengartenstr. 2, Nürnberg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 13.00 bis 18.00 Uhr.
1. September bis 20. Oktober 2019.

 





Kunstverein Nürnberg