15/04/09

Extremerfahrungen

Bücher teilen Erfahrungen mit. Wie der Norden aussieht, Angst und Leben in englischen Seebädern.

von Annette Hoffmann

Bücher teilen Erfahrungen mit. Wie der Norden aussieht, Angst und Leben in englischen Seebädern.

Extremerfahrungen


True North, hrsg. von The Solomon R. Guggenheim Foundation New York, Hatje Cantz 2008, 72 S., 29,00 €, 51.00 CHF


Dass die Eskimos hundert Wörter für Schnee kennen, ist leider ein Irrtum. Ein Irrtum, der von der Faszination aller Nicht-Nordländer für das Phänomen Schnee zeugt. Die Ausstellung „True North“ hat dafür Bilder gefunden, die sich mit dem romantischen Begriff der Erhabenheit gleichermaßen auseinandersetzen wie mit der Fotografiegeschichte. Die meisten der Arbeiten – Fotos und Videos – der sieben Künstlerinnen und Künstler entstammen der Sammlung des Solomon R. Guggenheim-Museums.
Es sind die Randzonen aus Eis und Schnee, die für eine hierarchiefreie Utopie stehen, aber auch für die Unmittelbarkeit der Naturkräfte. Eine Reise hierhin ist immer eine Extrem-Erfahrung. Roni Horn, die in diesem stahlblau gebundenen Band mit ihrer Serie „Pi“ vertreten ist, reist regelmäßig im Jahr nach Island, zum „wahren Sein der Dinge“. Dieses glaubt man auch in den atemberaubenden Fotos von Thomas Flechtner zu erkennen, denn er erkundet wie Elger Esser die metaphysische Seite der Einsamkeit der Landschaft. Es fällt auf, dass die wenigsten Künstler den Menschen abbilden. Dabei sind wir es, die diesen Rückzugsort der Welt bedrohen.


Nedko Solakov, 99 Fears, Phaidon 2008, 24,95 €, 45.90 CHF

Die Macher des Phaidon-Verlages hatten jedenfalls keine Angst. Nedko Solakovs charakteristische dickleibige Figuren springen von Buchstabe zu Buchstabe oder lassen entspannt die Beine über dem Verlagslogo baumeln. „Guys with no fears“ bescheinigt der bulgarische Künstler ihnen mit der Tuschefeder. 99 Formen der Angst und der Furcht sind auf diesen Zeichnungen vereint, die erstmals auf der documenta 12 zu sehen waren. Es ist die charmanteste Antwort auf eine weltweite Krise, die ihren Ausdruck im Krieg im Irak, der daniederliegenden Wirtschaft und die Klimaveränderung findet. Ob Nedko Solakovs Strichmännchen zu Ikonen ihres Zeitalters taugen wie Edvard Munchs „Der Schrei“ oder die Capricci von Francisco de Goya sei dahingestellt. Nedko Solakov nimmt die Ängste ernst, gerade indem er aus ihnen Grotesken macht. So behandelt Solakov kleine Fische im Sturm, die Qualle, die Angst vor tiefen Gewässern hat, aber freundlicherweise Frauen mit großem Busen meidet und er feiert die vorübergehende Erleichterung, dass das Flugzeug auch diesmal nicht abgestürzt ist. Angstfreiheit ist für Solakov allenfalls gleichbedeutend mit Noch-Nicht-Wissen, dem Schlaf oder gar Dummheit. Das Wissen über die Angst vermittelt sich bei Nedko Solakov auf denkbar komischste Weise.


Tracey Emin, Strangeland, Blumenbar 2009, 239 S., 19,90 €, 35.90 CHF

Im Halbjahresprospekt des Blumenbar-Verlags ist Tracey Emin abgebildet, wie sie auf blütenweißer Bettwäsche liegend eine Katze krault. Das Foto beschreibt den größten Abstand zu einem von Tracey Emins bekanntestem Werk. „My Bed“ von 1998 konserviert den Zustand ihres Bettes: es ist zerwühlt, diverse Körpersäfte haben ihre Spuren hinterlassen, auf dem Bettvorleger haben sich leere Wodkaflaschen und ähnlicher Müll angesammelt. Tracey Emins Kunst steht unter dem Vorzeichen des Autobiografischen. Wer jedoch aus ihrer Autobiografie etwas über ihre Kunst erwartet, wird enttäuscht sein. „Strangeland“ erzählt die Begebenheiten und Ereignisse, die sich zu einem exzessiven Leben fügen. Ein Leben, das nicht gut beginnt, Tracey Emin kommt zehn Minuten nach ihrem Zwillingsbruder Paul auf die Welt. „Als ich geboren wurde, hielten sie mich für tot“, ist der erste Satz von „Strangeland“. Die Aneinanderreihung von Episoden fasziniert durch den unverblümten Ton und ihre Unmittelbarkeit. Es ist der Stoff von Tracey Emins Kunst.