30/09/09

Künstlerbücher zum Schauen und Hören

Wie Künstler, die Welt sehen. Unsere Entdeckungen unter den Künstlerbüchern und Hörbüchern dieses Herbstes.

von red.

Wie Künstler, die Welt sehen. Unsere Entdeckungen unter den Künstlerbüchern und Hörbüchern dieses Herbstes.

Kuenstlerbuecher zum Schauen und Hören

Silvia Bächli, es, hrsg. von Bundesamt für Kultur. Lars Müller Publishers, Baden 2009, 136 S., 22,90 Euro, 39 Franken
Ein Stück graue Piste, dann Einschlüsse in Eisblau im Weiß und weiter braun-schwarze Stellen, darüber ein grau-blauer Himmel. So muss sich Silvia Bächli aus dem Autofenster der Blick auf Island dargeboten haben. Er setzt sich fort in ihren Ateliers in Island und Basel. Auf pfefferminzgrünen Holzwänden hat die Schweizer Künstlerin ihre Arbeiten installiert. Man erkennt ihren charakteristischen Pinselstrich, die Reduktion ihrer Arbeiten, dazwischen Fotos vom abblätternden Deckenweiß oder dem Lichtschalter. Es hört nicht auf, denkt man. Die in diesem Jahr verstorbene Lyrikerin Inger Christensen hat es präziser gefasst. Bei ihr heißt es: „Das. Das war es. Jetzt hat es begonnen. Es ist. Es fährt fort. Bewegt sich. Weiter.“ Auf dieser Bildspur begleitet man Silvia Bächli durch ihr poetisches Künstlerbuch.
Annette Hoffmann

Caroline Bachmann, Stefan Banz, What Duchamp Abandoned for the Waterfall. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2009, 29,90 Euro, 49.90 Franken
Im Sommer 1946 kam Marcel Duchamp mit seiner Geliebten Mary Reynolds nach Chexbres an den Genfersee, um für ein paar Tage in einer der schönsten und meist abgebildeten Ecken der Schweiz auszuspannen. Turner, Courbet, Hodler, Kokoschka – sie alle waren hier, haben die steil in den See stürzenden Berge gemalt, das Glitzern der Sonne auf dem Wasser, die lieblichen Himmel und dramatischen Wolkengebirge. Ein ganzes Museum könnte man mit diesen Bildern vollhängen. Duchamp dagegen widerstand der Versuchung, sich unter die prominenten Genferseemaler einzureihen, kehrte dem atemberaubenden Panorama den Rücken und fotografierte stattdessen einen Wasserfall, der hinter ihm den Hang hinunterplätscherte.
Mit typischer Duchamp-Geste entstand so das Hintergrundbild zu seiner letzten großen Installation „Etant donnés“. Was dem Meister dabei entging, hat das Künstler-Duo Caroline Bachmann und Stefan Banz nun über ein Jahr lang zu jeder Tages- oder Nachtzeit vom Fenster ihres Häuschens aus dokumentiert, das nur wenige Geh-Minuten von dem Wasserfall entfernt steht. Das Ergebnis ist eine faszinierende Duchamp-Hommage in 100 Fotografien, die die unfassbar gegensätzlichen Spektren des Lichts und die unendliche Vielfalt der zarten, kühlen, öligen oder dramatischen Stimmungen über dem See zur Chronologie eines fiktiven Tages vom Morgengrauen bis zum Abendrot verdichten.


Martin Kippenberger, I was born under a wandrin star. Verlag für moderne Kunst, nÜrnberg 2009, Hörbuch 55 M., 19,80 Euro, 34 Franken
Hörbücher zur Kunst haben derzeit Konjunktur. Meist erscheinen sie anlässlich von Großausstellungen und bieten eine 1:1-Wiedergabe des Contents offizieller Museums-Audioguides plus Bilderbuch. Der Gewinn für Hörer außerhalb des Museumskontextes ist dabei eher gering, denn selbst die perfekt inszenierte Multimedia-Präsentation eines Kunstwerks kann den Mangel der authentischen
Erfahrung nicht kompensieren. Ein völlig anderes Konzept verfolgt dagegen die Hörbuch-Reihe des Verlags für moderne Kunst, die jetzt mit drei CDs mit Originalaufnahmen von Otto
Dix, Liam Gillick und Martin Kippenberger startete. Die Idee ist so einfach wie überzeugend: Künstler reden über ihre Arbeit. Was bei diesen Werkgesprächen an Informationen über die Interviewten, ihr Werk und ihre Weltsicht abfällt, ist mehr, als das gedruckte Wort bieten kann. Das beste Beispiel dafür ist die Kippenberger-CD. In ebenso endlosen wie kurzweiligen Abschweifungen und Anekdoten über seine Mutter, Beuys, Jesus, den Sinn der Spaghettimalerei oder Kafkas Amerika kalauert und pöbelt sich Kippenberger hier am Kneipentisch immer wieder ins Zentrum seines Werks, zu dessen eigentümlichen Qualitäten nicht zuletzt diese permanente Performance als genialer Nervtöter beigetragen hat. Besser, lustiger und erhellender als jeder Audio-Guide.
Dietrich Roeschmann