05/10/10

Kunststheorie oder was macht eigentlich der Kunstbetrieb?

Theoriebedarf nach soviel Kunst? Das Herbstprogramm der Kunstbuchverlage weiß Rat, wir haben sondiert.

von red.

Theoriebedarf nach soviel Kunst? Das Herbstprogramm der Kunstbuchverlage weiß Rat, wir haben sondiert.

Kunsttheorie Kunstbetrieb


Nicolas Bourriaud: Radikant. Merve Verlag, Berlin 2009, 80 S., 20 Euro | 36.90 Franken

Efeu ist ein Radikant. Wo immer er sich niederlässt, schlägt er neue Wurzeln, und seine Identität als Pflanzensubjekt gerät nicht gleich außer Lot, wenn die alten dafür absterben. Es ist eine schöne Metapher, die der Kunstkritiker und Tate-Triennale-Direktor Nicolas Bourriaud für sein Manifest für die Kunst nach dem Ende der Postmoderne gewählt hat. Nach seinem einflussreichen Buch über die „Relationale Ästhetik“ (1998), in dem er das Kunstwerk als gesellschaftlichen Zwischenraum menschlicher Beziehungen definierte, legt er mit „Radiant“ nun die kluge Analyse einer weltweiten Mono-Multikultur vor, in der inzwischen alles Authentische, Originäre dem Zwang zur Verwandlung in Warenform unterworfen ist. Bourriaud fordert dagegen eine neue Lektüre der Moderne, die auf eine von allen Identitätszwängen befreite Kultur der Differenz setzt. Dass es vor allem die Kunst ist, in er Ansätze dieser „Altermoderne“ bereits verwirklicht sieht, ist kein Zufall: nirgendwo geht es so zentral um die Frage der Übersetzung und Produktion heterogener Visionen von Geschichte wie hier.


Sarah Thornton: Sieben Tage in der Kunstwelt. S. Fischer Verlag 2009, 320 S., 19,80 Euro | 33.90 Franken
Fünf Jahre lang war Sarah Thornton auf der „Grand Tour“ durch die internationale Kunstszene, trank Tee mit Manga Pop-Art-Star Takeshi Murakami, ging auf Talent Scouting an die Kunsthochschulen, steigerte bei Christie’s mit – und erlebte am Ende, wie die grenzenlose Feierlaune der Beteiligten jäh in Katerstimmung kippte. Nun legt die britische Journalistin das Logbuch ihrer Expedition vor. Prall gefüllt mit klugen Beobachtungen zu Kunst und Kommerz, zahllosen Anekdoten und sagenhaftem Insider-Klatsch gibt es kurzweilige Einblicke in eine Welt, die nicht gerade bekannt ist für Offenheit und Transparenz.
Dietrich Roeschmann


Villa Paragone. Thesen zum Ausstellen, hrsg. von Matthias Götz, Schwabe Verlag, Basel 2008, 632 S., 26,50 Euro | 38 Franken
Ausstellungen seien nichts anderes als florierende Orte von Vergleichen und zugleich deren Kriegsschauplätze, sagt Hans-Dieter Bahr. Der Band „Villa Paragone. Thesen zum Ausstellen“, der die Vorträge eines designtheoretischen Symposiums in Halle zusammenfasst, trägt den Untertitel „The power of Placement“. Tatsächlich haben die letzten Jahre gezeigt, wie sehr Ausstellen mit Macht zu tun hat. Daher kommt die Publikation der Schriftenreihe Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle zur rechten Zeit, bietet sie doch viel Nachdenkenswertes und Inspirierendes. Einen Aufsatz des Sammlungsspezialisten Philipp Blom, aber auch einen Beitrag von Karl Stocker über die Konstruktion von Geschichte in Ausstellungen. Schauen hat mit Vergleichen zu tun, dieser Band wird ihren Blick verändern.
Annette Hoffmann