27/05/19

Die offene Wunde

In der Kunsthalle Tübingen erzählen kongolesische Künstler von sich selbst und von den Problemen ihres Landes

von Christian Gampert

congolubondo.jpgGosette Lubondo, An Imaginary Trip, #1, 2016, © Gosette Lubondo
Schwer was los in Kinshasa. Gleich zu Beginn der Ausstellung „Congo Stars“ stehen wir vor einer Video-Installation: auf der mittleren Leinwand tanzen junge Männer und Frauen in sexuell eindeutigen Posen die kongolesische Rumba, auf dem linken Schirm schauen einzelne Protagonisten sinnierend in die Kamera, rechts das Panorama der Großstadt und der Blick auf Straßen und brodelnde Plätze. Das Ganze ist die Gemeinschaftsarbeit dreier Künstler, die Tanz und Musik als Mittel gesellschaftlicher Emanzipation ins Bild rücken. Eine Arznei gegen die allgegenwärtige Armut ist die Rumba freilich nicht; vielleicht trägt sie sogar zum Elend bei. Denn riesengroß sind die politischen und ökonomischen Probleme eines Landes, in dem jede Frau durchschnittlich 6,3 Kinder zur Welt bringt und die Bevölkerung jedes Jahr um zwei Millionen Menschen wächst. Überbevölkerung herrscht auch auf den meist mit Acrylfarben gemalten Bildern – etwa von George Makaya Lusavuvu: seine Zukunftsvision „Kinshasa 2100“ ist das comic-artige Wimmelbild einer unregierbaren Metropole, die irgendwann kollabieren muss.

Schon 2050 wird die Bevölkerung des Kongo von jetzt 85 Millionen auf angeblich 197 Millionen Einwohner angewachsen sein. Man steht völlig ratlos vor solchen Zahlen und hat nun die Wahl, einen politischen Essay oder eine Kunstkritik zu schreiben. Entscheiden wir uns lieber für die Kunstbetrachtung. Die meisten der in Tübingen ausgestellten Künstler kommen ersichtlich aus dem Comic oder der Reklamemalerei, die im Kongo an den Häuserwänden prangt; viele von ihnen sind Autodidakten, einige haben in Kinshasa, wenige haben in Europa studiert. Ihre Werke sind farbenfroh und plakativ und wollen eine gesellschaftliche Debatte anregen, und das tun sie wohl auch. Und deshalb ist es auch unerheblich, dass die Segnungen der Zentralperspektive diesen Künstlern völlig wurscht sind und dass manche der stilisierten Personendarstellungen vehement an Picassos stereometrische Phase erinnern. Wichtig sind die Themen, die hier verhandelt werden. Sie reichen vom Wassermangel und fehlender Elektrizität bis zum Straßenbau, von Mobutus größenwahnsinnigem Weltraumprogramm, der bedrohlichen Aids-Seuche und der meist fehlenden Krankenversorgung bis zu politischen Debatten. Die Folgen des Kolonialismus sind bis heute zu spüren. Die traurige Geschichte eines Staates, der nach der 1960 erreichten Unabhängigkeit von Belgien und vielen inneren politischen Zerwürfnissen ab 1965 von Joseph Mobutu 32 Jahre lang diktatorisch regiert wurde, kulminiert in der aktuellen Kunst in Dorf-, Disco- und Restaurant-Szenen, die den Sex als einziges Gratisvergnügen ins Bild setzen, gleichzeitig aber vor den Folgen warnen. Die schlecht bezahlte Polizei ist bestechlich, der Text öffentlich angeschlagener Zeitungen wird von einem Vorleser laut vorgetragen, Krankenhäuser mit Aidskranken sind mehr Todeslager als Hospitäler, während Rebellentruppen ein ganzes Dorf vergewaltigen. Die katholische Kirche ist bigott und der Priester den Frauen sehr zugetan, gleichzeitig glaubt man an Wunderheiler. Manche versuchen dem Elend durch Arroganz zu entgehen: die „Sapeurs“, nobel gekleidete Großstadt-Dandys im Gangsta-Look, wurden 2010 von Vitshois Bondo vor den Wellblechhütten und vermüllten Straßen fotografiert, die ihre Heimat sind.

Avantgardismus kommt ausschließlich von den Frauen: die Konzeptkünstlerin Michèle Magema ritzt die Grenzen des Kongo auf eine ganze Wand von ockerfarbenen Kautschuk-Tafeln, ein fast mystischer Eindruck – auf den Kautschuk-Plantagen wurde einst Zwangsarbeit verrichtet. Und Gosette Lubondo setzt auf ihren Fotografien sich selbst und ihre Freunde in leere, stillgelegte Eisenbahnwaggons – und verweist so auf das zusammengebrochene Schienen- und Straßennetz des Kongo. Die Ausstellung überfällt den Besucher mit einer Fülle von Bildern und Informationsmaterial – und lässt ihn ziemlich allein und verstört zurück. Die ganze Ausweglosigkeit der Welt-, Dritte-Welt- und auch Flüchtlingspolitik ist hier in wenigen Räumen wie unter dem Brennglas zu sehen. Die künstlerische Ruppigkeit vieler Arbeiten ist dabei das kleinste Problem. In der Tübinger Schau liegt das Versagen der Industrienationen, aber auch das Versagen der Dritte-Welt-Staaten wie eine offene Wunde vor dem Betrachter.      

 

Congo Stars.
Kunsthalle Tübingen
Philosophenweg 76, Tübingen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 30. Juni 2019.


 

 




Kunsthalle Tübingen